Rechte Ideologien in Spielfilm entlarvt

Filmemacher Tilman König beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde

Musik gab es schon im Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde, ebenso Literatur, eine virtuelle Stadtführung oder Ausstellung, Kabarett und Märchen. Beim jüngsten Zoom stand ein neuer kultureller Bereich im Mittelpunkt – das Filmschaffen. Der deutsche Japanologe, Soziologe und Filmemacher Tilman König berichtete den vor 38 Bildschirmen versammelten Zuschauern seine Erfahrungen und stellte in Ausschnitten seinen Spielfilm „Der Schwarze Nazi“ vor.

 

Blick auf einen Teil der Zuschauer bzw. Zuhörer.

Die Moderation oblag wieder Sandra Uhlich.

Eine Szene aus dem Film „Der Schwarze Nazi“.

Der Filmemacher Tilman König bei seinen Ausführungen.

Die Verbindungen des Filmemachers aus Leipzig zur Ackermann-Gemeinde sind noch ganz frisch. Bei der diesjährigen Veranstaltung „Meeting Brno“ im September lernten sich König und Vertreter der Ackermann-Gemeinde kennen, woraus gleich die Idee zum Oktober-Kulturzoom entstand.

Den Filmemacher, der an diesem Tag seinen 41. Geburtstag feiern konnte, stellte Sandra Uhlich, die den Zoom erneut moderierte, kurz vor. Aus einem christlichen Elternhaus stammend gab es in der Familie bis zu seiner Jugend kein Fernsehgerät, dafür begeisterte sich der junge Tilman für das Kino und Filme, intensiv seit seinem 18. Lebensjahr mit dem Kauf der ersten Filmkamera. Autodidaktisch eignete er sich entsprechende Kenntnisse an. Im Jahre 2001 drehte er als Stipendiat an der Universität in Tokio mehrere Filme. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl-Friedrich gründete er 2002 an der Universität Leipzig die Filmgruppe Cinemabstruso. Sie drehten eine Reihe von Filmen, die auf zahlreichen Festivals liefen und diverse Preise gewannen. Die Schwerpunkte der Filme sind Themen wie Migration, Rassismus und Einsamkeit.

Migration, ein auch in Japan wichtiges Thema, war auch – wie König selbst erzählte – das Hauptthema seines zweiten in Japan gedrehten Films. Aber er und sein Team wollten auch „fiktionale Filme“ schaffen. Eher zufällig ergab es sich, dass einige Jahre später ein Freund Königs aus Zaire ins Spiel kam, der sich bereit erklärte, die Hauptrolle in einem Streifen über Neonazis bzw. rechte Gruppen zu übernehmen.

Der stark groteske, aber auch antirassistische Film „Der Schwarze Nazi“ wurde kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen im Sommer 2014 in Leipzig gedreht. Die rechtsorientierte Partei heißt hier NPO. „Wir haben den Film zum Teil direkt vor den Augen der NPD-Leute gedreht“, erinnert sich König. Hauptelement des Films ist, dass der Afrikaner zunehmend die Ideologie der Rechten und Wutbürger übernimmt, ja diese in bestimmten Passagen sogar überholt bzw. zuspitzt und damit entlarvt. Etwa anhand der Bluttransfusion im Krankenhaus, womit die Blut- und Bodenideologie karikiert wird oder durch Briefe an vermeintliche Ausländer mit der Aufforderung, das Land zu verlassen – und einen solchen Brief erhält auch ein Parteifunktionär mit einen entsprechenden Namen. Für den Leipziger Filmemacher geht es auch darum, die NS-Ideologie dadurch von innen auszuhöhlen.

„Das Lachen bleibt einem manchmal im Hals stecken“, stellte Sandra Uhlich im Gespräch mit Tilman König fest. Damals – 2014 – seien die ersten Wutbürger-Aktionen gelaufen. Besonders erinnerte er sich an eine an einem Sonntagvormittag gedrehte Szene, die unter besonderer Beobachtung der in Nachbarschaft befindlichen „Jungen Nationalen“ stand, und die dann wohl auch einen Schlägertrupp schickten. Da die Polizei gerufen wurde, kam es nicht zur Gewalt.

In rund 80 Kinos wurde der Film deutschlandweit gezeigt. In einem kleinen Leipziger Kino habe ein Angehöriger der Identitären Bewegung versucht, die Vorführung zu stören. Der eineinhalb Stunden lange Film ist im Internet (Youtube, Netzkino) zu sehen, in Thüringen und Brandenburg wird er auch im Schulunterricht eingesetzt. „Für uns war ganz wichtig, aus Sachsen einen solchen Film zu machen. Und zu zeigen, dass es auch ein anderes Sachsen und Menschen guten Willens hier gibt“, bekräftigt König. Mit Blick auf heute, unter anderem die Präsenz der AfD in den Landesparlamenten und im Bundestag, meint er: „Die Wirklichkeit hat unseren Film überholt. Es ist eine verrückte Realität, die vor unseren Augen abläuft“, wobei König auch die Corona-Pandemie einbezieht.

Eine Fortsetzung des Films ist nicht vorgesehen, eher – eventuell im kommenden Jahr – ein „Directors Cut“. Aktuell arbeitet das Team an einer Serie zu Verschwörungstheorien und Esoterik sowie an einem Dokumentarfilm. Man darf also auf das weitere Schaffen von Tilman König gespannt sein.

Markus Bauer