„Nicht nur Glaubensvermittlung, auch Gesellschaftsgestaltung“

Ein bayerisch-böhmischer Dialog zum Thema „Wie steht es um die katholische Kirche?“ stand Anfang April in Schönsee auf dem Programm. Eingeladen hatten hierzu das gastgebende Centrum Bavaria Bohemia und die Ackermann-Gemeinde. Im Anschluss daran wurden die Ausstellungen "Zeugen für Menschlichkeit" über den christlichen sudetendeutschen Widerstand von 1938 bis 1945 sowie die Ausstellung "Die Schaleks. Eine Mitteleuropäische Familie" eröffnet, die noch bis zum 9. Mai zu sehen sind.

 

Diskutierten in Schönsee unter der Moderation von Matthias Dörr (l.; v.l.): AG-Bundesvorsitzender Martin Kastler, die tschechische Theologin Dr. Eva Vybíralová, Regensburgs Generalvikar Michael Fuchs, der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern Joachim Unterländer und der Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz P. Dr. Stanislav Přibyl.

Auf die Ausstellungen sowie deren Urheber und Unterstützer wies Dr. Veronika Hofinger, die Leiterin des Centrums Bavaria Bohemia, in ihrer Begrüßung hin. Besonders betonte sie den verbindenden Aspekt der Ausstellungen, da beide Menschen zeigen, die für Werte wie Aufrichtigkeit und Mut stehen sowie Brückenbauer zwischen den Völkern sind. „Die Ausstellungen wollen deutlich machen, wie schwierig es ist, wenn Meinung und Glaube unterdrückt werden“, fasste Hofinger zusammen.

In der von Matthias Dörr, Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, moderierten Podiumsdiskussion ging es zunächst um die aktuelle Situation der Kirche in den beiden Ländern – ob etwa Aufbrüche (Rom, deutsche Bischofskonferenz) spürbar werden und der Volkskirchen-Charakter noch greift. Für das Bistum Regensburg sprach Generalvikar Prälat Michael Fuchs – mit Ausnahme des fränkischen Sprengels im Bistumsnorden – von einer „volkskirchlichen Tradition“, doch „die Zahlen gehen zurück“ - bei den Katholiken wie auch bei den Gottesdienstbesuchern. „Jedes Jahr  haben wir ein knappes Prozent weniger Katholiken und die Kirchen werden leerer“, stellte der Generalvikar fest. Dennoch attestierte er, dass vielfach eine „gute Vorstellung von Kirche und christlichem Glauben und von der christlichen Fundierung von Bräuchen und Traditionen“ vorherrsche.

Zwischen ländlichen und städtischen Strukturen unterschied Joachim Unterländer, der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Vor allem in Großstädten gebe es auch Menschen „mit einem anderen oder keinem Glauben“, was sich auch auf den Religionsunterricht, das Miteinander und den interreligiösen Kontakt auswirke. Ein differenziertes Bild zeichnete Unterländer, der sich gegen jeden Pessimismus wehrte. „Wir haben in Bayern volkskirchliche Strukturen, die auch auf den städtischen Bereich überschwappen“, fasste der Landeskomitee-Vorsitzende zusammen.

„Wir müssen als Christen optimistisch sein – auf beiden Seiten der Grenze“, unterstrich der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde Martin Kastler die Aussage seines Vorredners. Zudem seien die Kirchen in Deutschland/Bayern und Tschechien nicht vergleichbar – besonders auch wegen der Unterdrückung der Kirche im Kommunismus und den daraus resultierenden Folgen. In Tschechien, wo Kastler seit mehreren Jahren hauptsächlich lebt und arbeitet, habe er nicht wenige „aktive Glaubensbeispiele“ erlebt.

Detailliertere Fakten nannte Pater Dr. Stanislav Přibyl, Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz. Grundsätzlich sprach er von einer „großen Minderheitensituation“, wobei genaue Zahlen nicht bekannt seien. „Zirka 30 Prozent könnten Christen sein, die meisten davon Katholiken. Bei uns ist die Kirche nicht so gut strukturiert, sie hat eine schwierige Position“, führte er aus. Dennoch sprach er von einer „lebendigen Kirche“, wobei sich die Lebendigkeit und Identität vor allem auf die Aktivitäten in den Gemeinden und weniger auf die Institution Kirche beziehe.

Aus ihrer Glaubenspraxis vertiefte dies die Historikerin und Theologin Dr. Eva Vybíralová.  Sie selbst sei in der Diaspora aufgewachsen und vor 30 Jahren in der Grundschule bzw. im Gymnasium die einzige Gläubige gewesen. Das wiederhole sich nun mit ihren beiden Kindern, die in ihren Klassen die einzigen Katholiken sind – bei vier Katholiken in der gesamten Grundschule. Dennoch betonte auch sie, optimistisch zu sein und der Qualität eine höhere Bedeutung zuzumessen als der Quantität – und auch bewusst zu fragen: „Was mache ich für meine Kirche?“

Den zweiten Themenkomplex umschrieb Matthias Dörr mit „brennende Fragen an die Kirche“. Hier nannte Joachim Unterländer die Missbrauchsskandale, deren Aufarbeitung mit Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und unter Berücksichtigung der Situation der Opfer erfolgen müsse. Als weitere Herausforderungen nannte er die Armut, Migration sowie die Globalisierungsprozesse. Aufgabe der Kirche sei „nicht nur die Glaubensvermittlung, sondern auch die Gesellschaftsgestaltung“, so der Landeskomitee-Vorsitzende.

Den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen sowie dessen Aufarbeitung sprach Generalvikar Fuchs an - „einen Jahre und Jahrzehnte langen, sehr schmerzhaften Prozess“. Er gestand ein, dass lange Zeit nur die Täter wahrgenommen worden seien und weniger die Opfer bzw. Betroffenen. Umso mehr werde bei der Aufarbeitung auch der Blick auf die institutionellen Gegebenheiten gerichtet, um Solches künftig zu verhindern. „Es ist weiter unsere Hausaufgabe, Schutzkonzepte in jeder Einrichtung zu erarbeiten“, fasste der Generalvikar zusammen. Für die tschechische katholische Kirche verwies Generalsekretär Přibyl auf Richtlinien der Bischofskonferenz und ein „gesundes, zuverlässiges Milieu“ in den katholischen Schulen. Einzelne Fälle, in denen Geistliche zu Aggressoren wurden, seien gelöst worden.

„Es ist allgemein anerkannt, dass die Kirche eine wertvolle Rolle im kulturellen, geistigen und philosophischen Bereich spielt“, sprach Martin Kastler einen weiteren Aspekt an und bezog sich zum einen auf die Tätigkeiten der Kirche im sozial-caritativen Bereich, zum anderen auf die Rolle der Kirche als wichtiger Gesprächs- und Diskussionspartner. Die „hohe Qualität und den selbst auferlegten Anspruch von Einrichtungen in katholischer Trägerschaft“ betonte Joachim Unterländer, Generalvikar Fuchs mahnte jedoch an, diese auch „mit gutem Geist zu füllen“. Auf die Auflösung katholischer Schulen und das Verbot des Religionsunterrichts ab 1950 ging Eva Vybíralová kurz ein und beschrieb damit den Traditionsbruch in Tschechien. Als wichtige Tätigkeitsfelder nannte Generalsekretär Přibyl neben dem kirchlichen Schulwesen und der Caritas die Pastoralarbeit in der Armee und in Gefängnissen sowie künftig die palliative Fürsorge, die von der Caritas und verschiedenen christlichen Gemeinschaften getragen wird. Ferner stellte er Aktionen und Aktivitäten in der Pastoral- und Sozialarbeit der katholischen Kirche in Tschechien vor.

Der letzte Themenkomplex der Podiumsdiskussion betraf die Position der Kirche in der Flüchtlingshilfe. „Es ist Aufgabe der Kirche, den Menschen, die auf der Flucht und in Not sind, zu helfen und die Stimme für diese zu erheben“, erklärte Joachim Unterländer. Aber auch Wohnplätze zu schaffen und die Menschen in den Pfarreien zu unterstützen, die in der Flüchtlingsbetreuung aktiv sind, ergänzte Generalvikar Fuchs. Den Missbrauch des Themas „Migration“ seitens mancher tschechischer Politiker kritisierte Eva Vybíralová – mit der Konsequenz, dass bisweilen eine „Hysterie gegen Migranten“ entstanden sei. Die nach Tschechien kommenden Flüchtlinge aus der Ukraine, die schnell die Sprache erlernen und sich integrieren, erwähnte Generalsekretär Přibyl und betonte den christlichen Aspekt der Nächstenliebe. Aktuell befänden sich auch 70 christliche Chinesen in der Tschechischen Republik.

Abschließend appellierte Martin Kastler als ehemaliger Europaabgeordneter und europapolitischer Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken an die Zuhörer, sich an der Europawahl zu beteiligen und damit ein Stück Europa mitzugestalten. In der Diskussion mit dem Publikum ging es unter anderem um historische Aspekte und die Prägung bzw. die Traumata dadurch, um eine stärkere Einbeziehung der Laien zur Entlastung der Priester und die Rolle der Frauen in der Kirche. Zum Dank überreichte Matthias Dörr den Podiumsteilnehmern das Buch „Fernes Europa“, in dem Anton Otte über sein Leben und Wirken in Deutschland und Tschechien erzählt.

Markus Bauer