Neuer Blick auf Kardinal Beran

Der frühere Prager Erzbischof Dr. Josef Kardinal Beran, wird am 21. April im Veitsdom beigesetzt. Damit wird der letzte Wille des im Jahr 1969 im Exil in Rom verstorbenen Geistlichen erfüllt. Seine bisherige Grablege war in der Krypta des Petersdoms, in der ansonsten nur Päpste ihre letzte Ruhe fanden. Beran, der seit Dezember 1946 der Oberhirte Prags war und für den im Jahr 2000 der Seligsprechungsprozess eröffnet wurde, litt unter beiden totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts. Er war von 1942 bis 1945 im Konzentrationslager Dachau eingesperrt und durch die Kommunisten mehr als ein Jahrzehnt interniert.

Colloquium über Beran und seine Beziehungen zu den Deutschen im März 2018 in Prag.

Die anstehende Überführung der sterblichen Überreste nach Prag nahmen die Ackermann-Gemeinde und die Tschechische Christliche Akademie zum Anlass für ein Colloquium. „Beran wird in sudetendeutschen Kreisen oft ein kritisches Verhältnis zu den Deutschen nachgesagt“, so der Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, Matthias Dörr, eingangs. Der Ackermann-Gemeinde sei es ein Anliegen, Berans Verhältnis zu den Deutschen vor dem Hintergrund der aktuellen Forschungen zu beleuchten.

Manfred Heerdegen, Historiker und Mitglied des Bundesvorstandes, ging auf das Bild von Beran in sudetendeutschen Kreisen ein. Er berichtete, dass eine Seligsprechung des früheren Prager Erzbischofs Josef Kardinal Beran oft scharf abgelehnt werde. Er zitierte einen Leserbrief aus diesem Jahr: „Eine Seligsprechung Berans würde auf viele sudetendeutsche Katholiken äußerst befremdend wirken. Ich könnte mir vorstellen, dass nicht wenige aus der Kirche austräten.“ Doch woher kommt die starke Abneigung gegen Kardinal Beran in manchen sudetendeutschen Kreisen und wie wird sie begründet? In der Hauptsache werde auf das „sogenannte Interview“ in der Schweizer Tageszeitung „Die Tat“ vom 25. März 1947 Bezug genommen. In diesem wird Beran zitiert, dass die Furcht, dass sich „die Irredenta […] wiederholen könnte“ und die Bemühungen, einen neuen Krieg zu verhindern, deren „Transfer“ zu einer „imperativen Notwendigkeit“ mache. In der in der Zeitung „Die Tat“ gedruckten Gesprächszusammenfassung wird deutlich, dass Beran – einige Monate nach der offiziellen Einstellung der Zwangsaussiedlungen – aus seinem persönlichen Erfahrungshorizont heraus wertete, Übergriffe und Misshandlungen verurteilte, das Geschehen aber als unumkehrbar einschätzte.

Beran wurde später mehrfach mit dieser Aussage konfrontiert. Dies zeigen auch die Unterlagen zu seiner Person im Archiv der Ackermann-Gemeinde, berichtete Dörr. Dabei bezog er sich unter anderem auf ein Gespräch Anfang Mai 1966 von Adolf Kunzmann, damaliger Hauptgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, und Albert Karl Simon aus der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Rom. Die Historikerin Stanislava Vodičková hat sich intensiv mit dem Leben von Beran beschäftigt. 2009 erschien aus ihrer Feder eine Biographie über den Kardinal. Sie verwies auf einen Beitrag in der tschechoslowakischen Exilzeitung „Českolovák“ vom 7. April 1965, hier wurde eine Stellungnahme des Kardinals abgedruckt. In dieser heißt es: „Kardinal Beran hat in einem Interview – gegebenen der Katholischen Presseagentur – zu den Angriffen auf seine Person erklärt, dass es nicht richtig sei, wenn man behauptet, dass sein jahrlanger Aufenthalt in einem nazistischen Konzentrationslager bei ihm Hass gegen Deutsche – besonders dann gegen die Sudetendeutschen – ausgelöst habe. Im Journal „Die Tat“ sei seine Antwort falsch interpretiert worden. Der Pressevertreter habe ihn befragt, ob der Erzbischof die Aussiedlung der Deutschen für die Beseitigung eines dauerhaften politischen Dynamits hält, das später jederzeit wieder hätte explodieren können. Seine Antwort habe gelautet, dass die Aussiedlung – die im Jahr 1947 fast ganz komplett beendet worden war – gewiss vermag, die gefährliche Lage zu beseitigen. Diese Antwort soll so verdreht worden sein, als Doktor Beran habe die Vertreibung befürwortet oder sogar einen Anstoß zu ihr gegeben. Eine solche Interpretation seiner Wörter, die ihm auch in anderen Beispielen beigemessen wurden, stehe allerdings völlig in Widerspruch zu seiner inneren Haltung, betonte Doktor Beran zum Schluss des Interviews.“

Dr. Jaroslav Šebek von der Akademie der Wissenschaften in Prag sieht Beran als einen Geistlichen, der nationale Spannungen aus der Kriche heraushalten wollte. Ab 1932 war er Regens des Prager Priesterseminars. „Beran wollte die nationalen Spannungen abmildern“, beurteilt Šebek das Bemühen des späteren Erzbischofs. Dafür führte er intensiven Dialog. So auch mit deutschen Priesteramtskandidaten, die Mitglied der Sudetendeutschen Partei waren und sich für deren Ideen engagierten. Beran habe ihnen deutlich gemacht, dass sie nur unter der Bedingung, dass sie aus der Partei austreten und sich nicht weiter in diesem Sinne betätigen, zu Priester geweiht würden. „Dieser Weg wurde auch vom Leitmeritzer Bischof Anton Weber gewählt“, so der Prager Krichenhistoriker. Man dürfe laut Šebek nicht vergessen, dass Beran bereits während eines Studienaufenthalts in Deutschland im Jahr 1930 Massenaufmärsche der NSDAP erlebt und als sehr bedrohlich empfunden habe.

Viele Geschichten, mit denen antideutsche Einstellungen Berans belegt werden, kursierten in den 1960er Jahren, erläuterte Heerdegen. So solle Beran in einer Kleruskonferenz in Reichenberg am 14. Mai 1948 gesagt haben, die Deutschen seien zu Recht ausgewiesen worden. Als Gewährsmann für diese angebliche Äußerung Berans wurde der in der Heimat verbliebene deutsche Pfarrer Robert Vater aufgeführt. Er tauche immer wieder in den Unterlagen als Gewährsmann auf. Auch auf Anfrage von Adolf Kunzmann bekräftigte Pfarrer Robert Vater im Juni 1965 nochmals seine Vorwürfe gegen Kardinal Beran. Dieser sei im Mai 1948 bei einer Firmung in Reichenberg für den nach Prag gerufenen Bischof Trochta eingesprungen und habe in der Mittagspause beim Gespräch mit dem anwesenden Klerus erstaunt gefragt, warum es denn in Reichenberg überhaupt noch drei deutsche Priester gebe. Kunzmann äußerte bereits damals ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Vater. Diese Einschätzungen werden durch heute zugängliche Quellen bestätigt, berichtet Vodičková, die am Institut zur Erforschung totalitärer Regime arbeitet. Robert Vater wird in der Liste der Mitarbeiter der kommunistischen Staatssicherheit aufgeführt. Eine Auswertung seiner Stasi-Akte steht noch aus.

Auch andere Belege für eine antideutsche Haltung halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Dies wurde in der Diskussion klar. In einem Leserbrief in der „Landshuter Zeitung“ vom 29. Januar 1965 wurde beispielsweise behauptet, Beran habe schon im Mai 1945 in einer Rundfunkansprache die Vertreibung der Deutschen gerechtfertigt. Auch diese Behauptung tauchte in den 1960er Jahren in sudetendeutschen Kreisen immer wieder auf und prägte das sudetendeutsche Beran-Bild. Eine Recherche im Rundfunkarchiv in Prag brachte jedoch keinerlei Hinweise auf eine Rundfunkansprache des späteren Erzbischofs in diesem Jahr.

Tatsächlich beruht das negative sudetendeutsche Narrativ über Kardinal Beran bis heute in der Hauptsache auf dem sogenannten „Interview“ in der Tageszeitung „Die Tat“ vom 25. März 1947 sowie auf den Behauptungen von Pfarrer Robert Vater, der aller Ansicht nach mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit (StB) in Verbindung stand.

Dörr berichtete in Prag über die Beziehungen der Ackermann-Gemeinde zu Kardinal Beran. Anhand von Unterlagen aus dem Archiv der Ackermann-Gemeinde in München konnte er belegen, dass Beran seit seinem Bayern-Besuch im Mai 1965 Kontakt zur Ackermann-Gemeinde hielt. Auf verschiedene Nachfragen hin hatte Beran seinerzeit die Richtigkeit der ihm zugeschriebenen Äußerungen über die Vertreibung der Deutschen entschieden in Abrede gestellt. Einen starken Fürsprecher unter den katholischen Sudetendeutschen besaß Beran in Prälat Franz Wagner, dem ehemaligen Leiter des Priesterseminars der Diözese Leitmeritz und späteren Generalvikar, der den Kardinal seit der gemeinsamen Studienzeit in Rom gut kannte. Dörr wies zudem auf eine schriftliche Botschaft Kardinal Berans an seine „lieben Diözesanen aus der Erzdiözese Prag“ zum Sudetendeutschen Tag im Juni 1966 hin, die wegen eines vatikanischen Einspruchs allerdings nicht veröffentlicht werden konnte. Mehrfach habe Beran schriftlich wie mündlich versichert, täglich für seine „tschechischen und deutschen Landsleute“ zu beten. „Beran hat ab 1965 den Kontakt mit seinen sudetendeutschen Landsleuten gesucht und habe darauf hingewiesen, dass er mit ihnen das Schicksal der Heimatlosigkeit teile,“ berichtet Dörr über die vielfach beschriebene emotionale Bindung. Diese sei laut Berichten insbesondere beim Gesang deutscher und tschechischer Volkslieder spürbar gewesen.

Auf weitere Verbindungen Berans zu Deutschen ging Vodičková ein. Sie verwies auf die Freundschaften Berans mit deutschen Priestern im Konzentrationslager Dachau. Unter diesen befand sich auch der Pallotinerpater Richard Henkes, für den ebenfalls ein Seligsprechungsprozess läuft. Weiter berichtete sie von einer Pastoralreise Berans als Erzbischof in ein Sammellager für Deutsche sowie seinen Umgang mit Eingaben von Deutschen, die ihn als Prager Erzbischof erreichten. Pater Dr. Martin Leitgöb, Geistlicher Beirat der tschechischen Sdružení Ackermann-Gemeinde und Pfarrer der deutschsprachigen Prager Pfarrei, würdigte Berans Beitrag währen der letzten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort habe er im September 1965 eine Rede „von großer geistiger Weite und historischem Einfühlungsvermögen“ über die Religionsfreiheit gehalten Die anschließende lebhafte Diskussion, in der sich weiter auch Dr. Michal Pehr, Historiker und Mitarbeiter des Masaryk-Instituts, der Generalsekretär der tschechischen Bischofskonferenz Pater Dr. Stanislav Přibyl sowie Prof. Dr. Tomáš Halík, Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie, zu Wort meldeten, verdeutlichte die Notwendigkeit weiterer Archivforschungen, um alle noch offenen Fragen zum Thema „Kardinal Beran und seine Beziehungen zu den Deutschen“ fundiert beantworten zu können.

ag