„Kenntnis vom Nachbarn im Osten vertiefen und verbreiten“

„Fremder Nachbar? Die Tschechische Republik“ heißt der Titel der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Ost-West. Europäische Perspektiven“. Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, sowie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken geben diese Schrift seit dem Jahr 2000 heraus. Zur Präsentation luden zusätzlich die Ackermann-Gemeinde und die Tschechische Mission München ein. Neben der inhaltlichen Vorstellung durch Dr. Christof Dahm stand ein moderiertes Gespräch zum Thema der Broschüre im Fokus der Veranstaltung in der Tschechischen Mission.

Heft-Taufe (v.r.): Hlobil, Dr. Albert, Unterländer MdL, Dörr

Mit einigen Gedanken über „Mission“ sowie kurzen Ausführungen über die Geschichte seiner Einrichtung begrüßte der Hausherr Pfarrer Bohuslav Švehla

Die viermal im Jahr erscheinende, jeweils 80-seitige Zeitschrift „Ost-West. Europäische Perspektiven“ stellte der Redakteur vom Dienst Dr. Christof Dahm vor. Die Publikation, die im 13. Jahrgang vorliegt, trat die Nachfolge des früheren „Ost-West-Informationsdienstes“ an. Gehalten in den Renovabis-Farben Grün, Weiß und Orange haben in den bisherigen 52 Ausgaben ca. 300 Autoren geschrieben, darunter meist ausgewiesene Fachleute zu den Themenschwerpunkten. Einige Autoren des neuen Tschechien-Heftes konnte Dahm unter den Gästen begrüßen.

Einigen Aspekten des neuen Heftes widmete sich auch das von Matthias Dörr, dem Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, moderierte Gespräch. Die Frage nach verbindenden bzw. trennenden Aspekten zwischen Deutschen und Tschechen bejahte die in München studierende und aus Český Krumlov/Krummau stammende Marie Talířová – vor allem im Hinblick auf die Elemente Geschichte und Mentalität. Sie sprach von „Trennung, um das Eigene zu bewahren“, sah aber auch die „Gewinnung einer anderen Perspektive durch die Unterschiede, eine Erweiterung des Blickes“. Die Notwendigkeit beider Aspekte betonte der Landtagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern Joachim Unterländer. „Aus dem nationalen Blickwinkel ist das nachvollziehbar, auch zur Aufarbeitung der Geschichte“, meinte der Abgeordnete, der aber auch auf den kritischen Dialog hinwies. Die Präsenz des „sudetendeutschen Phänomens auf höchster politischer Ebene“ im zwischenstaatlichen Verhältnis betonte der Generalkonsul der Tschechischen Republik Josef Hlobil. Mit Verweis auf die Bayerische Landesausstellung von 2007 in Zwiesel „Bayern – Böhmen. 1500 Jahre Nachbarschaft“ verdeutlichte der Generalkonsul, dass man die Geschichte nicht nur auf die Zeit des Krieges und der Vertreibung reduzieren könne. „Was geschehen ist, kann nur interpretiert und nicht geändert werden“, stellte Hlobil fest. Er gestand auch ein, dass in tschechischen Schulen nur wenig über die jüngste Geschichte vermittelt wird, was auch Marie Talířová bestätigte.

Weitere Punkte des Gesprächs waren das aktuelle bayerisch-tschechische Verhältnis und die Kenntnisse über Tschechien. Joachim Unterländer nannte die Schirmherrschaft Bayerns über die Sudetendeutschen sowie die gemeinsame Arbeit an Zukunftsprojekten nach den Besuchen von Ministerpräsident Seehofer in Tschechien. „Je weiter man von der bayerisch-tschechischen Grenze entfernt ist, desto geringer sind die Kenntnisse“, erkannte Generalkonsul Hlobil, der in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit einen Schwerpunkt sieht. Dabei sind für ihn die Sprachkenntnisse und der Verkehrsausbau (Zugverbindungen) die drängendsten Aufgaben. Wenig Kenntnisse über Tschechien bescheinigte Marie Talířová den jungen Deutschen, während junge Tschechen mehr über Deutschland wissen. Als wichtiges Feld für gegenseitige Kontakte nannte Joachim Unterländer kirchliche Gruppen und Verbände, da hier auch die Wertestruktur verbindet. Hlobil betonte die Verbindungen auf kommunaler, kultureller und wirtschaftlicher Ebene. „Wir warten auf den Gegenbesuch des tschechischen Ministerpräsidenten in Bayern“, blickte er in die Zukunft. „Die Beziehung zwischen Bayern/Deutschland und Tschechien ist die beste in der Geschichte“, fasste der Generalkonsul zusammen.

Mit einer Buchtaufe mittels Sekt übergaben die Gesprächsteilnehmer mit Renovabis-Geschäftsführer Dr. Gerhard Albert die Broschüre sozusagen der Öffentlichkeit. Mit Kompositionen von Bohuslav Martinů und Antonín Dvořák, die beide im heutigen Tschechien geboren wurden und in der Schweiz sowie in den USA große Erfolge feierten, umrahmte Jan Čech, Dozent für Klavier an der Hochschule für Musik und Theater München, die Veranstaltung. Nach dem gemütlichen Teil mit vielen informellen Gesprächen zelebrierten Pfarrer Bohuslav Švehla, Monsignore Pfarrer Johannes Tasler (Geistlicher Beirat der Ackermann-Gemeinde in der Erzdiözese München-Freising) und  Studiendirektor Monsignore Dieter Olbrich (Vorsitzender des Sozialwerkes der Ackermann-Gemeinde) einen deutsch-tschechischen Gottesdienst.

Das Heft beinhaltet folgende Themen: Historischer Abriss zu Tschechien, Entwickung seit 1989, Euregio Egrensis, Situation der Kirchen, Verhältnis Tschechen – Sudetendeutsche, neuere tschechische Prosaliteratur, Interview mit Dominik Kardinal Duka, Portrait Karel Schwarzenberg, vier Erfahrungsberichte von Deutschen und Tschechen in verschiedenen Feldern.

Markus Bauer

 

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