Kafka: "Die deutsch-tschechischen Beziehungen beiderseits mit konkreten Menschen gestalten!"

Ein hochkarätiger Gesprächspartner stand beim jüngsten Themenzoom der Ackermann-Gemeinde (AG) Rede und Antwort: der designierte Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin Dr. Tomáš Kafka – eine bestens bekannte Persönlichkeit in Ackermann-Kreisen. Unter dem Titel „Willkommen in Deutschland. Der neue designierte tschechische Botschafter im Gespräch“ berichtete er aus seinen bisherigen deutsch-tschechischen Erfahrungen und skizzierte einige Punkte seiner künftigen diplomatischen Tätigkeit. Am 20. August erhält er vom deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier das Beglaubigungsschreiben.

Der desiginierte Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin: Dr. Tomáš Kafka.

EIn Blick auf einen Teil der Gäste des themenzoom.

Moderator Rainer Karlitschek führte aus seinem Urlaubsdomizil in Thüringen durch den Abend.

Trotz Ferien- und Urlaubszeit waren – wohl auch wegen Kafka – 56 Bildschirme mit über 70 Personen zugeschaltet, der eine oder die andere durchaus vom Urlaubsort. Wie Moderator Rainer Karlitschek, der das Webmeeting aus Mühlhausen in Thüringen leitete. Er machte auch deutlich, dass Kafka noch die Akkreditierung fehlt. Mit der Ackermann-Gemeinde kam er vor allem ab 1998, als Kafka Gründungsdirektor des  Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds (bis 2005) war und damit Pendant von Herbert Werner, dem früheren AG-Bundesvorsitzenden, der auf deutscher Seite den Zukunftsfonds leitete. Zuvor war Kafka von 1991 bis 1995 Kulturattaché der tschechischen Botschaft in Berlin, später folgten im Auswärtigen Dienst Stationen als Botschafter in Dublin und in den letzten sechs Jahren als Leiter der Mitteleuropaabteilung im Prager Außenministerium. Der Übersetzer, Schriftsteller und Diplomat Tomáš Kafka wurde im Jahr 2001 durch den Bundesverdienstorden Erster Klasse für sein langjähriges Engagement für die deutsch-tschechischen Beziehungen geehrt.

Mitteleuropa ist das zentrale bisherige (und auch künftige) Arbeits- und Themenfeld des designierten Botschafters. „Hier habe ich die Chance, kreativ zu sein. Es ist ein Spielfeld, wo man viel bewegen kann“, stellte er in seinem Statement fest. Natürlich habe es auch im jüngsten Arbeitsbereich Höhen und Tiefen gegeben, aber die Herausforderungen seien „akzeptabel gemeistert“ worden. Im Gegensatz zur Zeit als Kulturattaché sei die Arbeit heute professioneller („wir sind nicht mehr die netten Amateure wie in den 1990er Jahren“), man müsse sich und seine Position „schneller verständlich machen und aufpassen, was man erreichen möchte - und mit wem“. Auch sprach Kafka angesichts einer schwer überschaubaren Weltbühne von schwierigen Orientierungen.

Die kleinen technischen Übertragungsprobleme sah Kafka auch als Bild für die aktuelle Politik in Europa nach dem jüngsten Gipfel zum Start der deutschen Ratspräsidentschaft. „Die Dinge müssen nicht so perfekt sein“, meinte der designierte Botschafter. Europa. konkert die Europäische Union bewege sich zwischen den Kriterien, die Richtung vorzugeben und funktionsfähig zu sein beziehungsweise zu bleiben. Im Rückblick auf frühere heikle Konstellationen meinte Kafka, dass die EU immer mit einem blauen Auge davongekommen sei. Jedenfalls stellte er in Tschechien nach dem Gipfel eine deutliche Erleichterung fest – „ein Zeichen dafür, dass die EU und die Leader die Gemeinsamkeiten vor die Nationalinteressen stellen können. Es war kein klarer Sieg der EU, aber es hat gezeigt: vernünftige Kompromisse sind nötig und möglich. Für die EU war das ein gutes Ergebnis“, beurteilte Kafka die teils zähen und langen Verhandlungen. Für ihn ist das ein guter Weg, in diesem Stil weiter zu verfahren – ungeachtet noch zu klärender Debatten in einzelnen Punkten zwischen Rat und Kommission. Als bleibende Botschaft sieht er das gemeinsame Handeln und das Reden miteinander, so dass sich jeder als Sieger fühlen könne. Seine eigene Nation, die Tschechische Republik, ist für ihn in diesem Kontext ein „Staat, der auf Ausgleich bedacht ist“. Ein großes Verdienst an diesem positiven Ausgang des Gipfels weist er Angela Merkel zu, für die das Ergebnis wichtiger als die eigene Person gewesen sei.

Die Beziehungen zwischen der EU und den USA sprach in der Diskussionsrunde Prof. Dr. Bernhard Dick an. Kafka zeigte sich eher skeptisch, ob sich nach der Präsidentenwahl in den USA diese Aspekte ändern werden. „Die Zeiten für eine selbstlose Führung in der Welt sind vorbei“, blickte er auf die Zeit schon vor Trump. Heute würden Transaktionen die zwischenstaatlichen Kontakte bestimmen. „Zahlungen ja – aber nicht von der Außenwelt bzw. Umwelt abhängig machen“, schlug der künftige Botschafter mehr Selbstbewusstsein vor. Und nach Covid 19 gelte es, Vieles zu hinterfragen, eigene strategische Autonomien aufzubauen. Und für Europa, die eigenen Werte ins Bewusstsein zu rücken und „deutlich mehr für den eigenen Rückhalt“ zu machen. Hier sprach Kafka drei Punkte an: die ökonomischen Folgen, Kompromisse in der Außenpolitik, „Schlachten heiliger Kühe zum Wohle der EU“, wobei auf Deutschland sicher größere Zugeständnisse zukommen als auf Tschechien. Insgesamt wünscht sich der designierte Botschafter, dass die EU-Staaten „verständnisvoll und taktvoll miteinander umgehen“.

Weitere Fragen hatten den Umbau des tschechischen Botschaftsgebäudes, die Wertigkeit des Botschafterpostens für Kafka und mögliche kulturelle Projekte zum Inhalt. Für Kafka zählt vor allem die Vertraulichkeit, ja der „human factor“ – „die Möglichkeit, die deutsch-tschechischen Beziehungen mit konkreten Menschen auf beiden Seiten zu gestalten. In den deutsch-tschechischen Beziehungen werden wir, nachdem wir die Angst vor der Vergangenheit bewältigt haben, auch die Angst vor der Zukunft bewältigen“, blickte Kafka nach vorne.

Dass er dies in seiner künftigen Tätigkeit durchaus auch mit Humor, aber auch mit Kultur machen möchte, deutete er ebenfalls an. Das in deutscher Sprache geschriebene Gedicht „Wieder ein Berliner“, das Moderator Karlitschek vortrug, hat Kafka anlässlich seiner erneuten Präsenz in Berlin verfasst. Darin greift er unter anderem auch den früheren US-Präsidenten John F. Kennedy („Ich bin ein Berliner!“) und dessen Affäre mit Marilyn Monroe auf.

Markus Bauer