Ist Verzicht auf Rache heroisch?

Am 5. August 1950 wurde in Stuttgart die "Charta der Heimatvertriebenen" von Vertretern der Vertriebenenverbände und der ostdeutschen Landsmannschaften unterzeichnet. Ein zentraler und oft zitiertet Satz der Erklärung lautet: "Wir Heimatvertriebene verzichten auf Rache und Vergeltung". Der Theologe und Kirchenhistoriker Prof. Dr. Rainer Bendel (Tübingen) formuliert zum 70. Jahrestag theologische Antworten zur Charta der Heimatvertriebenen.

Unterzeichner der Charta der Heimatvertriebenen von 1950 (Foto: BdV-Archiv)

Wie ein cantus firmus in mehrstimmigen Chorälen klingt es in den politischen Fest- und Gedenkreden zur Integration der Vertriebenen, dass die Eingliederung so gut gelungen, so friedlich verlaufen sei, nicht zuletzt weil die Betroffenen bereits 1950 in der „Charta der Vertriebenen“ auf Hass und Rache verzichtet haben. Das mag trotz aller Widersprüche stimmen, aber der Respekt, die Würdigung gebührt zunächst und eigentlich nicht erst den Unterzeichnern der Charta. Auch wenn die Charta das Recht auf Heimat theologisch einfordert, bleibt eine solche Behauptung durchaus fragwürdig; man kann aus den Schriften der Bibel auch andere Argumentationswege entwerfen.

Können wir also „stolz“ sein auf 70 Jahre Charta der Vertriebenen? Unabhängig davon aus welcher Geschichte, welchem Kontext, persönlicher Überzeugung oder politischem „Lager“ die Unterzeichner kamen?

Wir haben kein Recht auf Hass und Rache; das sind nachvollziehbare menschliche Gefühlsreaktionen und juristische Kategorien; vernünftig sind sie nicht - im christlichen Kontext sollten sie überwunden sein, zumindest ständig das Bemühen wirksam sein, sie zu überwinden.

Wir erleben in den letzten Jahren geradezu eine Hochkonjunktur des Gedenkens: 100 Jahre, 70 Jahre, 50 Jahre. Und wir pflegen ja auch gern memoriale Feiertage wie etwa den an die Erklärung der „Charta der Heimatvertriebenen“. Am 5. August 2020 wird sicher die Unterzeichnung umfassend gewürdigt werden. Zum Ritual gehört in der Regel eine emotionale Sonntagsrede, in der die Verdienste, das Außerordentliche der Charta unterstrichen werden.

Was dabei aber in der Regel verschwiegen wird, ist die Vorgeschichte der Charta. Ob dabei wohl im Sinne von Winston Churchill verschwiegen wird, dass er 1946 Erinnern auch deshalb für gefährlich hielt, weil es Gefühle von Hass und Rache mobilisieren könnte; er plädierte für ein gemeinsames Vergessen, das befreit. Das waren Gedanken, die er auf dem Hintergrund der unmittelbar vorausgegangenen Erfahrungsgeschichte formuliert hatte. Vergessen eröffnet Wege in die Zukunft. Amnesie soll also geeignet sein, Weiterleben erst zu ermöglichen.

Die Frage ist nur, ob Vergessen überhaupt möglich ist, ob das Vergessene nicht leicht zum Verdrängten wird und irgendwann wieder als Störfaktor hochkommt. Kann man also Gemeinwesen auf ein derartiges Fundament aufbauen? Kann man das Miteinander von Staaten, die Nachbarschaft, auf ein solches Fundament stellen und es als solide ansehen? Entspringt nicht die Tendenz zum Autoritarismus, zum Totalitären, Diktatorischen dem Verdrängten?

Nicht verschweigen sollte man daher 70 Jahre nach der Deklaration, dass die Autoren, die den Text formulierten und diejenigen, welche ihn dann unterzeichneten, nicht in der Lage waren, das sogenannte „Dritte Reich“ als Grund des scheinbar unlösbaren Nachkriegsdilemmas in Europa zu nennen. Passivisch wird gesprochen vom Leid, das das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht habe. Es erfolgte kein Rückgriff auf die komplexe und komplizierte Vorgeschichte des tschechisch-deutschen, polnisch-deutschen Zusammenlebens vor den beiden Weltkriegen – und die deutsche Hybris! Das klang doch bei P. Paulus Sladek bereits an Weihnachten 1945 ganz anders und viel deutlicher: „Auch wir müssen unsere persönliche Schuld bekennen und den Anteil an der Gesamtschuld unseres Volkes und bereit sein, unser Schicksal als Sühne für eigene und fremde Sünden zu tragen. Wir dürfen dabei auch durchaus nicht auf die Schuld vergessen, die unserer Gemeinschaft anhaftet, auf gewisse falsche Einstellungen, die uns beherrscht haben.“

Gründungsmitglieder und Wegweiser der Ackermann-Gemeinde wählten mit innerer Überzeugung 1945/46 einen anderen Weg. Nicht Vergessen, sondern Vergeben lautete das Losungswort für den Weg in die Zukunft!

Damit sind wir auch bei einer Vorgeschichte der Charta, die gern unterschlagen wird: Der „Verzicht“ auf Hass und Rache waren in der Tat zentrale Weichenstellungen für eine gelingende Integration und für ein neues Miteinander der Völker in Europa. Diese Einsicht versuchten aber P. Paulus Sladek OSA bereits an Weihnachten 1945 und Bischof Maximilian Kaller im September 1945 den Gläubigen nahezubringen. „Gedanken der Rache und Vergeltung sollen nicht Macht gewinnen über unsere Herzen“ formulierte das millionenfach verbreitete und leider später fast vergessene „Gebet der Heimatlosen“, das ebenfalls aus der Feder von P. Paulus Sladek stammte und bereits 1947 bei den großen Wallfahrten in Hunderttausenden von Exemplaren verteilt wurde. 

In einer Predigt an die Gläubigen am 10. Juni 1945, dem Pfingstsonntag, legte der aus seinem ostpreußischen Bistum Ermland vertriebene, 1946 von Papst Pius XII. zum Sonderbeauftragten für die Flüchtlinge und Vertriebenen bestimmte Bischof Maximilian Kaller eine wichtige Grundlage für die Deutung der aktuellen Situation. Er griff die traurigen Bilder der Zerstörung auf, die man täglich sah und insinuierte, dass es kein traurigeres Bild gebe als eine eingestürzte Brücke, sei sie doch zugleich Sinnbild und Gleichnis. Über die Brücke vollzog sich stets der Verkehr, der Lebensaustausch, die Kommunikation zwischen Städten und Völkern:

„Nun ist diese Brücke eingestürzt - nicht durch Naturgewalten, sondern durch Menschenwillen und Menschenkraft. Anklagend ragen die Bruchstücke sinnlos in die Höhe. Die gesprengte Brücke ist ein Sinnbild und ein Gleichnis für die abgebrochene und zerstörte Verbindung zwischen den Menschen und den Völkern.“

Kaller ging in seiner Deutung noch einen Schritt weiter: das Bild der Brücke hielt er für nicht ausreichend, weil nicht nur die Verbindung zwischen Menschen und Völkern unterbrochen, sondern überhaupt das Verhältnis des Menschen zum Menschen und das Verhältnis der Völker zueinander an der Wurzel vergiftet und verdorben war.

Kaller suchte in den Stunden des tiefsten Sturzes, in denen Gott den Menschen gezeigt habe, dass Hass und rücksichtslose Selbstsucht nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst zerstören, Menschen, die wieder Brücken bauen können. Und zwar nicht nur Brücken aus Stein und Eisen, deren Bau schon mühselig genug sei, sondern Brücken zwischen den Seelen und Herzen der Menschen und Völker. „Und ein Gift wird ja nicht durch Worte überwunden, sondern nur durch eine neue Lebenskraft, durch ein Heilwerden und Gesundwerden von der Wurzel her. Wo sind solche Brückenbauer zu finden? Wo können wir solche neue Lebenskraft gewinnen?“

Das war ein Vierteljahr nach dem Ende des Krieges: pastoral geschrieben nicht nur die Forderung nach Verzicht auf Hass, sondern mutig theologisch gedacht das Plädoyer für die Akzeptanz, dass Hass den Menschen unmenschlich macht. Ein Plädoyer, mit dem Fundamente für eine Neugestaltung der Gesellschaft und für eine neue Form des Miteinanders der Völker in Europa gelegt werden können, denn im Wort „Verzicht“ ist auch das „Verzeihen“ enthalten.

Und dies sollte auch den jahrzehntelangen Kritikern dieser „Charta“ entgegenhalten werden!

Prof. Dr. Rainer Bendel

Theologe und Kirchenhistoriker,
seit 2014 Geschäftsführer der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Rottenburg-Stuttgart,
seit 2016 außerordentlicher Professor in Tübingen.