Gemeinsam aller Opfer gedenken

Erstmals fand im Rahmen des Brünner Festivals „Meeting Brno“ ein Gedenkakt am Kaunitz-Kolleg/Kounicovy koleje statt. Errichtet wurde es als Studenwohnheim in den Jahren 1922 und 1923. Während der Protektoratszeit war es von 1939 bis 1945 ein Internierungs- und Straflager der Gestapo. Bis zum April 1945 durchliefen Zehntausende von Gefangenen das Kaunitz-Wohnheim bevor sie in andere deutsche Konzentrationslager abtransportiert wurden. Mindestens 800 Personen wurden auf dem Innenhof durch Erhängen oder Erschießen hingerichtet. Im Jahre 1976 wurde dort ein Denkmal im Innenhof enthüllt, welches an den „Sieg über den Faschismus" erinnerte. Seit 1978 ist dieser Ort ein „Nationales Kulturdenkmal“.

Bei dem Gedenken (v.l.): SL-Bundesgeschäftsführer Christoph Lippert, stellvertretender Bürgermeister Petr Hladík, Oberbürgermeister Petr Vokřál, Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde Matthias Dörr, Direktorin des Festivals Dr. Kateřina Tučková und Hans-Joachim Eisert, stllvertretender Vorsitender der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Stuttgart.

Führten in den Gedenkort ein bzw. sprachen ein Gebet (v.l.): Abt em. Dr. Emmeram Kränkl (Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde), Marie Smolková (Ackermann-Gemeinde), Petr Kalousek (Leitung Festival „Meeting Brno“), Kanonikus Monsignore Václav Slouk (Brünner Dekan)

Gedenkstätte mit den Blumen.

Doch auch nach Kriegsende diente das Gebäude weiter als Lager. Nun waren es Deutsche, die hier litten oder gar zu Tode. Auch an die unschuldigen deutschen Opfer nach Ende des Weltkrieges sollte mit diesem Akt erinnert werden. Hierzu kamen am Sonntagmorgen (3. Juni) der Brünner Oberbürgermeister Petr Vokřál, Vertreter des Festivals „Meeting Brno“, aus der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bundesgeschäftsführer Christoph Lippert sowie eine Gruppe der Ackermann-Gemeinde, mit dem Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr sowie Repräsentanten und Mitgliedern aus den Diözesen Stuttgart, Freiburg, Mainz und Bamberg, an der Gedenkstätte nordwestlich des Stadtzentrums zusammen.

Als einen „Ort, der unter dem Einfluss der historischen Geschehnisse zu einem Symbol der Rivalität und des Hasses zwischen Tschechen und Deutschen geworden ist“, bezeichnete Petr Kalousek von der Festivalleitung das Kaunitz-Wohnheim in der Einführung zum Gedenkakt, die er gemeinsam mit Marie Smolková von der Ackermann-Gemeinde gestaltete. Dabei bezog er sich auch auf den Versöhnungsmarsch am Vortrag. „Gestern haben wir gemeinsam, bereits für wiederholten Male, den Versöhnungsmarsch absolviert, der an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung Brünns, den sogenannten Brünner Todesmarsches, erinnert. Die Strecke dieser Wallfahrt endet physisch auf dem Mendelsplatz, gedanklich und inhaltlich schließen wir uns aber jetzt hier an.“ Das Gebäude sei eigentlich zur Förderung von Bildung und Kultur errichtet worden. In den Jahren 1939 bis 1945 sei es aber zu einem „Ort des Schmerzes und des Leidens“ geworden. Kalousek erinnerte daran, dass in der NS-Zeit das Wohnheim „Hinrichtungen, Folterung, Transporte in die Konzentrationslager“ erlebte. „Nach dem Kriegsende wurde es zu einem Gefängnis für Kollaborateure und Nationalsozialisten, aber auch für hunderte unschuldige Menschen, die die Polizei oder die Armee auf der Straße dafür verhaftet hatte, weil sie Deutsche waren und eine weiße Binde getragen haben.“ Er sieht jetzt eine Gelegenheit, „die erwähnte Rivalität durch ein Verständnis und den Hass durch eine Versöhnung für immer zu ersetzen. Es ist eine große Gelegenheit für diesen Ort. Es ist eine große Gelegenheit für uns“, so Kalousek im Namen der Organisatoren dieses Gedenkens.

Der Einführung schloss sich ein Gebet an, in das der Brünner Dekan Kanonikus Václav Slouk und Abt em. Dr. Emmeram Kränkl vom Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde einführten. Anschließend legten Petr Vokřál für die Stadt Brünn, Christoph Lippert für die Sudetendeutsche Landsmannschaft sowie Matthias Dörr für die Ackermann-Gemeinde Blumengebinde für die Opfer nieder. Die rund 70 weiteren Gäste aus Tschechien, Deutschland und Österreich schlossen sich diesem Gedenken durch das Niederlegen von Blumen an. Hierzu erklangen christliche Trauerlieder, vorgetragen vom Brünner Sänger Tomáš Krejčí. Mit diesem Gedenken, das den tschechischen und deutschen Opfern dieses Ortes galt, setzten das Festival „Meeting Brno“ und die Stadt Brünn erneut ein wichtiges Zeichen für ein gemeinsames Erinnern.

Das mehrwöchige Festival endete am letzten Wochenende. Es nahm mit einer Vielzahl von kulturellen Angeboten, Diskussionen und dem Versöhnungsmarsch im Gedenken an den Brünner Todesmarsch unter dem Thema „Zeit zur re/vision“ die vergangenen einhundert Jahre in den Blick. Im Mai 2019 soll dann der vierte Jahrgang des Festivals beginnen.

ag