Freundschaften über nationale und zeitliche Grenzen hinweg

Michal Urban zeigte Ausstellung „Unter einem Dach“ beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde

Eine gute Beteiligung – insgesamt waren 54 Computer bzw. (erstmals) Telefone angeschlossen – hatte der zehnte Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde. Diesen bereicherte Michal Urban von Antikomplex (Prag), einer tschechischen Partnerorganisation der Ackermann-Gemeinde, mit einer Führung durch die Ausstellung „Unter einem Dach“, die im Rahmen des Projektes „Versöhnung 2016“ entstanden war und im April in Olmütz/Olomuc bei den deutschen Kulturtagen Station gemacht hätte. Diese fielen jedoch Corona zum Opfer und wird in der zweiten Oktoberhälfte nachgeholt.

Michal Urban bei seinen Ausführungen.

Das Titelbild der Ausstellung von Antikomplex „Unter einem Dach“.

Die Ackermann-Gemeinde e.V. wird für die Kulturarbeit im Institutum Bohemicum aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.

Antikomplex detailliert zu beschreiben hieße Eulen nach Athen tragen. Die beim Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde 2012 in Bautzen mit der Versöhnungsmedaille der Ackermann-Gemeinde ausgezeichnete Organisation stellte Moderatorin Sandra Uhlich dennoch in ihren Grundzügen kurz vor. Das Hauptanliegen von Antikomplex ist es, Vorurteile auf deutscher und tschechischer Seite zu überwinden. Dies realisiert die Vereinigung mit Projekten, Ausstellungen und Büchern im und über den deutsch-tschechischen Grenzraum bzw. das Sudetenland. Die Wanderausstellung zeigt sieben Geschichten von deutsch-tschechischen Freundschaften, einige davon vertiefte Urban in seinem Vortrag.

Zunächst aber verriet er ein paar Details über sich: er stammt aus Iglau/Jihlava, studiert in Olmütz, und die Mitarbeit bei Antikomplex erfolgt vor allem in Prag, weshalb er zwischen diesen drei Städten hin- und herpendelt. Natürlich informierte er über die vor allem im deutsch-tschechischen Grenzgebiet angesiedelte Arbeit von Antikomplex zum guten Teil mit sudetendeutschen Heimatvertriebenen, um vorhandene Tabus in der Geschichtsforschung abzubauen und Vorurteile zu entkräften. In diesem Kontext sei dann auch die Idee zur Ausstellung „Unter einem Dach“ entstanden, also Häuser und deren Geschichte zu dokumentieren, die mit deutschen und tschechischen Personen verbunden sind. Es fanden sich schließlich sieben Häuser, in denen vor dem Zweiten Weltkrieg Deutsche und danach Tschechen gewohnt haben. Und ganz unterschiedlich waren die Wege des Kennenlernens und Freundschaftschließens der jeweils Betroffenen, was sich über verschiedene Zeitspannen vollzog – verbunden auch mit Ängsten, Unsicherheiten, Vorurteilen, Klischees usw. Hier habe Antikomplex dazu beigetragen, dass sich die Leute mit der Geschichte beschäftigten. Auch häufig anzutreffende Sprachbarrieren konnten durch Dolmetscher reduziert werden.

Detailliert stellte Urban die in der Ausstellung gezeigten Häuser in Niederhof (Riesengebirge), in Falkenau-Kittlitz/Sokolv-Kytlice, Ronsperg/Poběžovice und in Trinksaifen/Rudné (Erzgebirge) vor. Dazu präsentierte er die jeweils handelnden Personen, die durchgehenden Elemente der Ausstellung (zweisprachig konzipierter Tisch mit wichtigen Gegenständen) sowie aus diesen freundschaftlichen Kontakten entsprungene Aktivitäten (Renovierungen, dreisprachige Infotafel, Verleihung der Ehrenbürgerschaft usw.), aber auch einschneidende historische Ereignisse (Erschießung durch Partisanen, Familiengeschichte, verbindende Hobbys usw.). „Solange man die Gelegenheit hat, sollte man sie nutzen“, fasste Urban zusammen. Er freute sich über diese positiven Beispiele für Freundschaften über nationale und zeitliche Grenzen hinweg und bat die Zuhörer um Unterstützung bei ähnlichen Erfahrungen bzw. Lücken in der Familiengeschichte, weil vielleicht die Großeltern Angst bzw. Scheu vor der Kontaktaufnahme im früheren Heimatort mit den neuen bzw. jetzigen Bewohnern hatten.

Markus Bauer