Franz Olbert feiert seinen 85. - "Zuhause bin ich hier"

Am 27. Juli feiert Franz Olbert, der langjährige Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde, seinen 85. Geburtstag. Er hat sich als zentraler Gestalter der Versöhnung von Deutschen und Tschechen große Verdienste erworben. Auch die Hilfen der Ackermann-Gemeinde vor der Wende für die verfolgte Kirche in der kommunistischen Tschechoslowakei sind untrennbar mit seinem Namen verbunden. Die Ackermann-Gemeinde gratuliert Franz Olbert voller Dankbarkeit und in großer Wertschätzung seines Lebenswerkes, für das er mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen gewürdigt wurde.

• Franz Olbert 2014 (1) Foto:Archiv Ackermann-Gemeinde: 2014 wurde Franz Olbert (2.v.l.) mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt. Dieses Ereignis feierte er (v.l.) mit dem AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr, dem Münchner Erzischof Dr. Reinhard Kardinal Marx und dem langjährigen Geistlichen Beirat der Ackermann-Gemeinde, Msgr. Anton Otte.

Franz Olbert 2014 (2) Foto: Bayerische Staatskanzlei: Der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ehrte 2014 Franz Olbert mit dem Bayerischen Verdienstorden.

Franz Olbert 1990 mit tschechischen Geistlichen Foto:Archiv Ackermann-Gemeinde: 1990 empfing Franz Olbert tschechische Theologen in der Hauptstelle der Ackermann-Gemeinde. V.l.: Prof. Dr. Tomáš Halík, Weihbischof František Lobkowicz (Prag), P. Aleš Opatrný, Bischof Miloslav Vlk (Budweis), Weihbischof František Radkovský (Prag), Weihbischof Jan Graubner (Olmütz), Franz Olbert, Jiří Mikulašek, Pfr. Merkle, Pfr. Johann Tasler, Walter Klötzl.

• Franz Olbert 1985 Foto: Archiv Ackermann-Gemeinde: Die Ackermann-Gemeinde wurde 1985 von Papst Johannes Paul II. in Rom empfangen. Neben Franz Olbert (2.v.r.) nahmen an dieser Begegnung der damalige Bundesvorsitzende Professor Josef Stingl (r.) und der Leiter des Rombüros der Ackermann-Gemeinde Prälat Professor Dr. Josef Rabas (2.v.l.) teil.

„Meine Heimat ist das Sudetenland, aber zuhause bin ich hier“. So antwortet Franz Olbert, wenn er gefragt wird, was für ihn Heimat bedeutet. Als Brückenbauer der ersten Stunde wurde er bezeichnet, als ihm vor fünf Jahren der Bayerische Verdienstorden verliehen wurde. Ministerpräsident Horst Seehofer schlug in seiner Laudatio gar den Bogen zu Europa und hob hervor, dass das gemeinsame Europa bei den Bürgern beginne und in diesem Sinne, aus christlichem Geist heraus, habe Franz Olbert über Jahrzehnte gewirkt. Martin Kastler, ehemaliger Europaabgeordneter und Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, sieht in Olbert einen zentralen Gestalter der Annäherung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, der am Aufbau guter deutsch-tschechischer Beziehungen zu arbeiten begann, als andere noch jegliche Kontakte verweigerten und mit ihrem Vertreibungsschicksal haderten.

Franz Olbert packte an, inspiriert von den Gründervätern der Ackermann-Gemeinde, Pater Paulus Sladek OSA und Hans Schütz, dem sudetendeutschen christlichen Gewerkschaftler und späteren bayerischen Staatsminister. Sie waren es, die die Vertriebenen an die Hand nahmen und ihnen in der neuen Heimat, die nicht immer nur eine freundliche war, die Integration im zerstörten Nachkriegsdeutschland zu erleichtern versuchten. Und sie waren es auch, die gerade der vertriebenen Jugend deutlich machten, dass gesellschaftliches Engagement unerlässlich ist, wenn man etwas bewirken, etwas verändern will. Unter ihnen: Franz Olbert, 11 Jahre alt, sein Vater vermisst – bis heute –, das Haus in Schlettau im Schönhengstgau, wo er am 27.07.1935 geboren wurde, beschlagnahmt wie so viele andere Häuser auch, vertrieben mit der Mutter, drei Geschwistern und der Großmutter, Ankunft in Moschendorf bei Hof, dann weiter nach Schwarzenbach an der Saale „verfrachtet“, wie er es nennt. Als Teenager wuchs er dann während der Zeit seiner Lehre und später der Weiterbildung an einem sozialen Seminar mehr und mehr in die inzwischen entstandene Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde hinein, bis man ihn im Alter von nur 25 Jahren zu deren Bundessekretär berief. Als Adolf Kunzmann, der erste Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde, 1976 plötzlich verstarb, warf man ihn – wie er es nannte – ins kalte Wasser: Die Ackermann-Gemeinde bestellte ihn zum Generalsekretär – eine goldrichtige Entscheidung, wie man im Rückblick sehen kann - und damit begann sein außergewöhnliches Wirken für die deutsch-tschechische Versöhnung.

Sein ihm in die Wiege gelegter Glaube und seine christliche Gesinnung, die durch die Begleitung von Pater Paulus und anderen Priestern innerhalb der Ackermann-Gemeinde gestärkt wurden, ließen in Franz Olbert die Überzeugung wachsen, dass es für Rache und Vergeltung keinen Platz in seinem Leben und in seiner Arbeit geben dürfe. Christliches Handeln war Olberts Devise. Die in die sowjetische Besatzungszone vertriebenen Landsleute, aber auch die in der Heimat Verbliebenen durften nicht vergessen werden und so scharte er mehr und mehr Helfer um sich, um deren Unterstützung zu organisieren. Während die Kommunisten in der Tschechoslowakei das Land beherrschten und die deutsche Minderheit und die Kirche totale Unterdrückung erfahren mussten, fand er Mittel und Wege, deren Not zu lindern. Ja, die notwendigen Mittel zu beschaffen, das war seine besondere Gabe. Gefragt, wie ihm dies immer wieder gelang, meinte er oft bescheiden: „So etwas muss man spüren“. Und das Gespür dafür hatte er. Sein Enthusiasmus war ansteckend, seine Überzeugungskraft überwältigend. So schuf Olbert schon lange vor der Wende neue Kontakte, unterstützte auch das tschechische Exil und hielt zu Dissidenten Verbindung. Viel Mut gehörte dazu, den Eisernen Vorhang zu durchdringen, aber auch Feingefühl, bei allem Handeln den Blick nach zwei Seiten zu richten, in die alte Heimat und in die neue. Sicher sind ihm auch heute noch viele Heimatvertriebene dankbar dafür, dass es ihm gelang, durch die Gründung des „Arbeitsausschusses Sozialversicherung e.V.“ für rund 950.000 Sudetendeutsche aus der ČSSR Nachweise über die Einzahlungen bei den Rentenversicherungsträgern in der alten Heimat zu beschaffen, die in der Bundesrepublik dann entsprechend berücksichtig wurden und eine deutliche Aufbesserung der Rente möglich machten.

Ähnliches bewirkte er zu Gunsten der deutschen Minderheit in Tschechien, deren Renten durch die Jahrzehnte lange Benachteiligung unter dem Durchschnitt liegen: Seit den 1960-er Jahren erhält die deutsche Minderheit, genauer gesagt Deutsche in Tschechien, die noch der „Erlebnisgeneration“ angehören, unterstützt durch das Bundesinnenministerium eine einmalige jährliche finanzielle Unterstützung. Mit seiner liebenswürdigen Hartnäckigkeit konnte er Vertreter der Bundesregierung seinerzeit davon überzeugen, dass die Deutschen „drüben“ nicht nur der finanziellen Unterstützung bedürfen, sondern eine humanitäre Geste verdienen, ein Zeichen, von ihren Landsleuten in der Bundesrepublik nicht vergessen zu sein. Bis heute werden diese Hilfen ausgezahlt. Derzeit unterstützt das Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde noch knapp 600 Angehörige der deutschen Minderheit in Tschechien.

Als Christ lag ihm die verfolgte Kirche in der Tschechoslowakei ganz besonders am Herzen. Das Überleben der Kirche zu sichern, gläubige Laien, Priester und Ordensleute zu unterstützen, war für ihn die größte Herausforderung. Er fand und erfand mit seinem Ideenreichtum immer wieder neue Möglichkeiten, Hilfen auf geeigneten, wenn auch oft verschlungenen Pfaden an die richtigen Persönlichkeiten zu bringen. Mit Hilfe zahlreicher so genannter Osthilfekreismitarbeiter gelang es ihm, die geistig-geistlich ausgehungerten Christen in der ČSSR mit allem Notwendigen zu versorgen. Mochten es Geräte, Materialien, Medikamente oder aktuelle religiöse Literatur sein, kaum eine heimlich geäußerte Bitte eines unter Beobachtung stehenden Priesters oder Laien blieb unerfüllt. Nicht selten brachte er sich dabei selbst in Gefahr, wurde von der tschechoslowakischen Staatssicherheit beobachtet oder erhielt keine Einreiseerlaubnis mehr. Besonders herzlichen Kontakt pflegte er zum Prager Erzbischof, František Kardinal Tomášek, dessen Türe für Olbert immer, auch ohne Termin, offen stand. Bis heute öffnen sich häufig in kirchlichen Kreisen Tschechiens verschlossene Türen, wenn man sagt, man käme von der Ackermann-Gemeinde und habe Grüße von Franz Olbert mit im Gepäck.

Durch diese meist im Verborgenen geleisteten Hilfen entstand ein Netzwerk zu engagierten Priestern und Laien, das die Basis für die Arbeit der Ackermann-Gemeinde nach der Samtenen Revolution bildete. Einige der betreuten Priester wurden bald nach der Wende zu Bischöfen ernannt, Laien kamen in wichtige Positionen. Darauf konnte Olbert aufbauen. „Er bereitete durch seinen Einsatz den Boden für ein späteres engeres Miteinander auf politischer Ebene vor“, hebt Martin Kastler, der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde hervor. Olbert war Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Bernard-Bolzano-Stiftung Prag, mit der er 1992 die Iglauer, heute Brünner Symposien initiierte, rief die Marienbader Gespräche in Kooperation mit der Tschechischen Christlichen Akademie ins Leben (1990-2002), lud Angehörige der deutschen Minderheit zu kulturellen Begegnungen nach Karlsbad ein und suchte und fand wo auch immer mit Feingefühl und Respekt tschechische Gesprächspartner, die seine Versöhnungsinitiativen mittrugen, für die Anliegen der Vertriebenen Verständnis aufbrachten und dies weiter trugen.

Als Pionier der Versöhnung bemühte er sich Brücken zu bauen und vermittelnd zu wirken. In der direkten Nachwendezeit konnte er den tschechischen Ministerpräsidenten Dr. Petr Pithart bei Gesprächen in München, unter anderem mit Ministerpräsident Max Streibl und SL-Sprecher Franz Neubauer begleiten. Auch einen Besuch des tschechoslowakischen Ministers Dr. Jaroslav Šabata im Sudetendeutschen Haus konnte er Anfang der 1990-er einfädeln.

Vieles, was Olbert in seiner Zeit als Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde (bis 1999) und ehrenamtlicher Geschäftsführer des Sozialwerks der Ackermann-Gemeinde (bis 2010) auf den Weg bringen konnte, war erst durch die Vernetzung mit anderen Organisationen möglich. So übernahm er Verantwortung als Vorsitzender des Hauptausschusses für Flüchtlinge und Ausgewiesene in Bayern, war Mitglied des Landesvorstands der Union der Vertriebenen in Bayern und Mitglied des Landesvorstands des Bundes der Vertriebenen in Bayern. Auch in der katholischen Kirche engagierte er sich als Präsidiumsmitglied des Katholischen Flüchtlingsrates und der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Vertriebenenorganisationen, als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Menschenrechtskommission der deutschen Sektion von Justitia et Pax sowie des Aktionsausschusses von Renovabis. Dass er von den seinerzeit amtierenden Bundesaußenministerin Fischer, Steinmeier und Westerwelle wiederholt in den Verwaltungsrat des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds berufen wurde (2000-2011), verschaffte Olbert schon ein wenig Genugtuung, eröffnete ihm diese Aufgabe doch eine weitere Chance, die deutsch-tschechische Zusammenarbeit in verantwortlicher Position mitzugestalten. An dieser Stelle kommt man nicht umhin, an Franz Olberts Frau Erika zu erinnern, die 2016 leider viel zu früh verstorben ist. Über Jahrzehnte hielt sie ihm nicht nur den Rücken frei, sondern brachte sich selbst in vielerlei Weise in die Arbeit der Ackermann-Gemeinde ein.

Viele weitere Ehrungen haben seine unermüdlichen Bemühungen um die Aufarbeitung begangenen Unrechts, für die Aussöhnung von Deutschen, Vertriebenen und Tschechen und die Völkerverständigung zu Recht anerkannt: Das Verdienstkreuz am Bande sowie Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die Staatsmedaille für soziale Verdienste des Freistaates Bayern, der Bayerische Verdienstorden, das Ehrenzeichen des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) in Silber und Gold, die Goldene Ehrennadel des Bundes der Vertriebenen, der Hans-Schütz-Preis der Ackermann-Gemeinde, die Auszeichnung des Senats der Tschechischen Republik, die Bernard-Bolzano-Medaille, die Ernennung zum Komtur des Päpstlichen St. Silvesterordens, der Preis „Gratias Agit“ des Außenministers der Tschechischen Republik, die Goldene Sankt-Adalbert-Medaille sowie die Verdienstmedaille der Tschechischen Republik.

In diesen Tagen haben Franz Olberts Verdienste auch auf einem anderen Weg eine besondere Würdigung erfahren, nämlich in der Herausgabe einer neuen, zweisprachig deutsch-tschechischen Publikation, quasi ein „Geburtstagsgeschenk“. Das Institut zur Erforschung totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, USTR) in Prag befand das über Jahrzehnte gehende Wirken von Olbert, seinem Vorgänger Adolf Kunzmann und der Ackermann-Gemeinde für so beachtenswert, dass es eine Studie startete, die der Frage nachgehen sollte, inwieweit die Hilfen, die geleistet wurden, von der tschechischen Staatssicherheit wahrgenommen, beobachtet oder gar behindert wurden. Die Studie startete im Sommer 2016 mit einem Interview mit Olbert, das in die Publikation mit aufgenommen wurde. Zahlreiche Bilder und beeindruckende Dokumente aus dem Archiv der Ackermann-Gemeinde und des USTR haben in dieser Broschüre Aufnahme gefunden, die ab sofort über die Ackermann-Gemeinde zu beziehen ist. Sie trägt den Titel „Christliche Rache – „Křesťanská pomsta“. Als „christliche Rache“ bezeichnete der bekannte tschechische Theologe Dr. Oto Mádr (+2011), ein enger Freund Olberts, seinerzeit die Hilfen von vertriebenen katholischen Sudetendeutschen in der Ackermann-Gemeinde für die Kirche in der Tschechoslowakei.

Matthias Dörr ist der heutige Nachfolger von Olbert in der Ackermann-Gemeinde und dem Sozialwerk. Er sieht Olberts Verdienste als Verpflichtung: „Für uns alle ist Franz Olbert ein Wegbereiter, ein Brückenbauer, eine Persönlichkeit, deren lebenslanges Engagement für Verständigung und Versöhnung ein leuchtendes Vorbild darstellt. Seine Fußstapfen sind groß, die Wege, die er für uns geebnet hat, wollen wir weitergehen, seine Vision einer guten deutsch-tschechischen Nachbarschaft ist uns Verpflichtung für die Zukunft. Wir wünschen dem Jubilar trotz der Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt, noch viele schöne Jahre mit der Familie und seinen Ackermännern und Ackerfrauen. Vergelt´s Gott, Franz Olbert!“

Gabriele Traurig

 

Literaturempfehlung:

Mit der zweisprachigen, deutsch-tschechischen Publikation „Christliche Rache - Křesťanská pomsta“ greifen das Prager Institut für das Studium totalitärer Regime ÚSTR und die Ackermann-Gemeinde ein Kapitel aus der Vergangenheit auf, das bisher kaum bekannt ist. Dies ist auch verständlich. Die Hilfen, die die Ackermann-Gemeinde, ein von katholischen Vertriebenen aus Böhmen, Mähren und Schlesien gegründeter Verband, für die katholische Kirche in der Tschechoslowakei in der Zeit der kommunistischen Diktatur leistete, mussten vor 1989 natürlich möglichst unsichtbar bleiben, um nicht verraten und bedroht zu werden. Einer der zentralen Akteure dieser Hilfen war Franz Olbert, der in der Neuerscheinung in einem Interview zu Wort kommt.

Die Publikation „Christliche Rache – Křesťanská pomsta“ – Hilfen sudetendeutscher Christen für die katholische Kirche in der kommunistischen Tschechoslowakei, Hrsg.: Ústav pro studium totalitních režimů, Praha, und Ackermann-Gemeinde e.V., München; Praha/München 2020, 136 S., 33 Abb., ISBN 978-3-924019-16-7 können Sie für EUR 7.50 incl. Versand. hier bestellen.