Europa für die Kinder und Enkel auf christlicher Basis zukunftsfähig gestalten!

Die Ackermann-Gemeinde im Erzbistum Freiburg feierte am letzten Oktober-Wochenende im Bildungshaus St. Bernhard in Rastatt ihr 70-jähriges Bestehen. Zudem besteht seit 25 Jahre die Partnerschaft mit Christen in der Diözese Pilsen/Plzeň. Daher standen der Rück- und Ausblick im Vordergrund.

Dank an die Referentin Dr. Kateřina Kovačková.

Der Architekt Jan Soukup (r.) berichtete über "Schüttwa/Šitboř - die Heimat des Ackermann".

Deutsch-tschechischer Festgottesdienst in der Kirche St. Alexander in Rastatt.

Der Bundesvorsitzende Martin Kastler bei seinem Festvortrag.

Mitglieder und Freunde der AG Freiburg sowie Gäste aus Tschechien und Deutschland feierten das 70-Jahr-Jubiläum.

Der Freiburger Weihbischof Dr. Peter Birkhofer sprach ein Grußwort und würdigte das Wirken der AG Freiburg für Dialog und die Nachbarschaft.

Der Pilsener Bischof Dr. Tomáš Holub.

Rebecca Kopřivová und Dr. Steffen Michalek moderierten die Feierstunde.

In seiner Begrüßung konnte Diözesanvorsitzender Roland Stindl eine stattliche Abordnung aus dem Bistum Pilsen willkommen heißen, ebenso Vertreter des Bundesvorstands der Ackermann-Gemeinde und der Nachbardiözesanverbände Rottenburg-Stuttgart und Mainz. Leider hatte Stindl auch die Pflicht, das Ableben von Anton Großmann bekannt zu geben, der wenige Tage zuvor verstorben war.

In seinem Rückblick erinnerte Stindl an die Gründung der Ackermann-Gemeinde im Erzbistum Freiburg. Am Wochenende 7. bis 9. Oktober 1949 wurde hier mit Fritz Baier als erstem Diözesanvorsitzenden die Ackermann-Gemeinde aus der Taufe gehoben. In der diözesanen Arbeit entstanden Veranstaltungen wie die Waldhoftagung oder die Nepomukfeier, die nach der Wende gegründete Partnerschaft mit Pilsen läuft heute „auf Augenhöhe“, so der Diözesanvorsitzende.

Lebenslinien des verstorbenen Anton Großmann nahm kurzfristig Dr. Kateřina Kovačková, bekennende Westböhmin, in ihrem Vortrag auf, da sie für ihr Buch „Böhmisches. Allzu Böhmisches? - Verwischte Lebensbilder im Südwesten“ auch Großmann interviewt hatte. Die tschechische Übersetzung des Buches wird im Frühjahr 2021 erscheinen. Die Autorin erklärte, dass Aufklärung auf tschechischer Seite nötig sei. „Viele Landsleute haben keine Ahnung von der Geschichte nach 1945 in Böhmen, Mähren und Sudeten-Schlesien, diese wurde verschwiegen“, erläuterte Kovačková. Die von ihr auf Basis von Gesprächen erarbeiteten Geschichten schildern literarisch-erzählerisch Lebenslinien vertriebener Sudetendeutscher – aber auch das Umfeld wie Geburts- und Lebensorte sowie Einrichtungen. Ihr Dank galt den zwei AG-Diözesanverbänden Rottenburg-Stuttgart und Freiburg sowie den vielen Gesprächspartnern, von denen nicht wenige an der Tagung teilnahmen.

Im zweiten Vortrag unter dem Titel „Schüttwa/Šitboř – die Heimat des ‚Ackermann‘“ informierte der Ingenieur, Architekt und Denkmalpfleger Jan Soukup aus Pilsen anhand von Bildern über die Renovierung der dortigen Kirche und des Friedhofs sowie das neue Denkmal. Der Architekt skizzierte das Schicksal der Kirche in Schüttwa, die ab den 1950er Jahren nicht mehr genutzt wurde. In den 1970er Jahren brach der Dachstuhl ein, für die letzten Jahre des Kommunismus sprach er von einem „barmherzigen Grün“. Im Jahr 2015 begann der neue Verein „Nikolaus“ mit der Rekonstruktion des Gotteshauses. Angesichts des Werks von Johannes von Schüttwa (Saaz) „Der Ackermann und der Tod“ sollte die Restaurierung „nicht nur eine technische, sondern vielmehr eine geistlich-geistige Erneuerung“ werden. Renoviert wurden inzwischen der Friedhof und das Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Das Gotteshaus erhielt einen neuen Dachstuhl, und auch der Turm konnte inzwischen erneuert werden. Außerdem entstand ein Denkmal für Johannes von Schüttwa, und eine Dauerausstellung informiert über den berühmten Sohn des Ortes. „Wir haben aber noch viel vor uns: das Dach für das Hauptschiff und die gesamte Inneneinrichtung, damit es ein würdiges Denkmal für Johannes von Schüttwa wird. Es ist noch Arbeit für viele Jahre“, schloss Soukup seine Ausführungen.

Erster Höhepunkt war am die Aufführung der zeitgenössischen Kammeroper von Emil Viklický „Der Ackermann und der Tod“ in tschechischer Sprache mit deutschen Texteinblendungen. Studierende, Alumni und Gäste der Hochschule für Musik Karlsruhe hatten dieses Werk einstudiert, die Inszenierung hatte Kristýna Kopřivová erarbeitet, die seit in der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde aktiv ist. Die Inszenierung war ihr Abschlussstück zum Masterstudium der Musiktheater-Regie an der Karlsruher Musikhochschule.

Das religiös-geistliche Highlight bildete am Sonntagvormittag der Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Alexander mit dem Pilsener Bischof Dr. Tomáš Holub und dem Freiburger Weihbischof Dr. Peter Birkhofer als Hauptzelebranten. Stadtpfarrer Ralf Dickerhof nannte es eine „große Ehre“, zu dem Doppeljubiläum das Pilsener Oberhaupt begrüßen zu können und würdigte die langjährige deutsch-tschechische Friedens- und Versöhnungsarbeit sowie die freundschaftlich-partnerschaftliche Verbundenheit. Bischof Holub dankte in seiner Begrüßung für die Arbeit und Gebete der Ackermann-Gemeinde für die Christen in Tschechien und wies auf seine Großmutter mit dem Familiennamen Scholz hin, die aus dem Sudetenland stammte.

In seiner Predigt machte der Pilsener Oberhirte deutlich, dass in der tschechischen Sprache die Begriffe „Recht“ und „Wahrheit“ mit ein und demselben Wort „pravda“ belegt sind. Dabei seien „Recht haben“ bzw. „in der Wahrheit zu stehen“ völlig verschiedene Dinge. „Im christlichen Sinn reicht es nicht, nur Recht haben zu wollen. Jesus Christus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit!“ Dies bedeute aber auch, eine Beziehung hin auf eine Dimension außerhalb der Welt, zu Gott einzugehen. Diese Beziehung zum guten Gott sei, so der Bischof, der Schlüssel zur Wahrheit. Wahrheit sei also, „in Beziehung zu Gott zu stehen und dadurch offen zu sein, in Beziehung zu den Menschen und zu sich selbst zu stehen“. In diesem Sinn deutete er auch die Jubiläen. Der Bischof dankte dafür, „dass Sie als Ackermann-Gemeinde nicht darüber gesprochen haben, dass Sie Recht haben, sondern dass Sie in der Wahrheit, in der Beziehung stehen und die Beziehung neu entstehen lassen wollen“, würdigte der Oberhirte. Er dankte den früher und besonders heute Aktiven dafür, „friedliche Brücken zu bauen. Machen wir uns wieder neu auf den Weg, in Beziehung zu Gott einzutreten“, appellierte er an die Gläubigen.

Beim Festakt in der Aula des Bildungshauses übermittelte Bischof Tomáš Holub die Grüße seines Vorgängers Bischof František Radkovský. „Ohne ihn wäre es nicht möglich, diese Partnerschaft zu feiern. Es ist etwas Lebendiges entstanden und es geht weiter“, führte der jetzige Bischof aus. Die Grüße des Freiburger Erzbischofs Stephan Burger sprach Weihbischof Birkhofer aus. Gemeinsames Beten sowie der Einsatz für Frieden und Versöhnung hätten zum heute guten Verhältnis von Deutschen und Tschechen bzw. Slowaken geführt. Der Weihbischof erinnerte an die jüngst erfolgte Seligsprechung des Pallotinerpaters Richard Henkes, der Deutsche und Tschechen verbindet und ein neuer Patron für die Ackermann-Gemeinde sei. Die Ackermann-Gemeinde sei, so der Weihbischof, „ein lebendiges Zeugnis für Dialog, für die einfache Tugend, im Gespräch zu bleiben“.

Der Vorsitzende des Diözesanverbandes Rottenburg-Stuttgart Dr. Karl Sommer ging in seinem Grußwort besonders auf die gemeinsamen Unternehmungen ein. „Annäherung und Verständigung sind nach wie vor aktuell“, stellte Sommer mit Blick in die Zukunft fest.

„Europa 1989 – Europa 2019: Mut zur Zukunft“ lautete der Festvortrag von Martin Kastler, des Bundesvorsitzenden der Ackermann-Gemeinde. Der ehemalige Europaabgeordnete rief zunächst die Ereignisse im November 1989 in Berlin und Prag in Erinnerung, die „Veränderungen der Weltgeschichte wie seit vielen Jahren nicht“ mit sich gebracht hätten. Auch erinnerte er an Papst Johannes Paul II., der mit zum Sturz der Mauern beigetragen habe. Zudem nannte er mit Otto von Habsburg eine weitere Person, die stets auf den „leeren Stuhl“ der mittel- und osteuropäischen Länder im EU-Parlament hingewiesen habe. Dieses Defizit sei nun beseitigt, auch wenn heute „eine laute Minderheit“ gegen Europa und die EU protestiere. „Die meisten stehen für Europa“, stellte Kastler fest, der aber auch eine Weiterentwicklung Europas begrüßt. „Wir wollen als Christen mitgestalten. Wir als Ackermann-Gemeinde können es seit Jahren. Wir sind der einzige Verband, der durch Zweisprachigkeit Versöhnung und gute Partnerschaft vermittelt. Wir bringen Menschen, Nachbarn und Sprachen zusammen. Wir können noch viel mehr erreichen, wenn wir uns miteinander stark machen für die Zukunft und die Themen der Zukunft“, ermunterte der Vorsitzende. Dabei zollte er hohe Anerkennung für die trotz kleinerer Strukturen erreichte großartige Arbeit. Als vorrangige Zukunftsaufgabe nannte er, den europäischen Kontinent „für die Kinder und Enkel zukunftsfähig zu gestalten“ – durch Dialog und christliches Handeln. „Wir wollen Christsein in Europa zeigen und dies immer neu in die Diskussion werfen“, forderte er und brachte es auf den Punkt: „Sentire cum ecclesia, sentire pro europa“ (Mit der Kirche und für Europa fühlen!) und verlässliche Partner für die Demokratie sein – auch angesichts aufkommender Nationalismen und Populismen.

Unter dem Titel „Sieben Jahrzehnte – sieben Stationen“ stand zum Abschluss quasi ein Spaziergang aus der Vergangenheit in die Zukunft auf dem Programm. Moderiert von Klaus Zeller ging es dabei um die Rahmenbedingungen bei der Gründung der Freiburger Ackermann-Gemeinde im Oktober 1949. Die von Dr. Hans Schmid-Egger bereits im Jahr 1954 begründete Waldhoftagung war ebenso Thema wie die seit 1946 bestehende Wallfahrt der Heimatvertriebenen nach Walldürn. Und was wäre die Ackermann-Gemeinde hier ohne die traditionelle Nepomuk-Feiern in Ettlingen. Regelmäßig kommen hochrangige Priester aus Deutschland und Tschechien zu dieser Veranstaltung. Die Präsentation der Partnerschaft mit Pilsen verband Werner Tampe mit Gedanken über die deutsche Schuld, die bereits Pater Paulus Sladek im Jahr 1955 thematisiert hatte. Die drei weiteren Stationen hatten die kirchliche Jugendarbeit im Bistum Pilsen, vertreten durch den Diözesanjugendseelsorger Pavel Fořt, der ebenfalls eine sudetendeutsche Oma hat, sowie die Arbeit der jungen Familien und der Jungen Aktion zum Inhalt. Mit einem geselligen Beisammensein bei Kaffee und Kuchen endete das Jubiläum – und einem Dank an Diözesangeschäftsführerin Heidi Rothmaier, die federführend die beiden Tage organisiert hatte.

 

Markus Bauer