Einblicke in nationale Identitäten – und in Aspekte der Corona-Krise

Zwei Lesungen, Hausmusik und eine tschechische Kunstfigur – schon das waren vier sehr unterschiedliche Inhalte und Angebote beim Kultur-Zoom der Ackermann-Gemeinde. Beim fünften war ganz was Anderes geboten: „Deutsch-tschechisches Konkurrenz-Kabarett mit zweisprachigen Beissereien, Handgreiflichkeiten und prickelndem doppelkulturellen Einklang“. Ein langer Titel, aber größtenteils Kurzweil, was Roman Horák (deutsch-tschechischer Performer, Mime/Tänzer, Musiker) und Philipp Schenker (Performer, Musiker, Regisseur aus der Schweiz) in deutscher und tschechischer Sprache eine gute Stunde lang aus dem Divadlo Na zábradlí/Theater am Geländer in Prag boten.

Geschichtsstunde mit der "böhmischen 8".

In ihren Lieder griffen Horák und Schenker Themen von der Besiedlung Böhmens bis zur Corona-Krise auf.

Das 1. deutsch-tschechische Kabarett gibt es in normale Zeiten auch monatlich in einem Prager Theater zu erleben.

Mehrzweck-Masken. Ob sie sich durchsetzen?

Horák und Schenker begeisterten das Online-Publikum mit ihrem deutsch-tschechische Wortwitz und ihren Liedern.

Die Ackermann-Gemeinde e.V. wird für die Kulturarbeit im Institutum Bohemicum aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.

Schon vor dem offiziellen Beginn, beim Zuschalten der auf 47 Bildschirmen sichtbaren Zuhörer bzw. Zuschauer, traten sie in Kommunikation mit den Leuten aus Deutschland, Tschechien und Österreich. Und schon da der erste Gag – auch durch die Schlagfertigkeit einer Dame. „Bitte nicht zu laut knabbern“, bat einer der beiden Kabarettisten. Darauf die spontane Retourkutsche: „Wir werden eh stumm geschaltet!“

Bevor Moderatorin Sandra Uhlich tatsächlich die Zuhörer stumm schaltete, stellte sie die zwei Kabarettisten vor. Kein Unbekannter bei der Ackermann-Gemeinde ist Roman Horák – er war bei den letztjährigen Begegnungstagen in Landshut bei der großen bayerisch-böhmischen Kulturnacht als Clown mit dabei. Eine nicht alltägliche Nuance für die Ackermann-Gemeinde brachte der aus der Schweiz stammende Philipp Schenker ein. Uhlich erklärte außerdem, dass die Gruppe normalerweise aus vier Personen besteht und jetzt – in Corona-Zeiten – kein Engagement hat.

Nach der Prüfung, wer von den Zuhörern welcher Sprache mächtig ist, widmeten sich Horák und Schenker in ihrem ersten Lied den Vorfahren, die nach Böhmen kamen und das Land kultivierten. Humorvoll beleuchteten sie die 8er Jahre der böhmischen Historie, wobei sie etwa Libuše (mythische Stammmutter der Přemysliden-Dynastie in Böhmen) als „erste Feministin in Tschechien“ bezeichneten. Das Jahr 1938 (Münchner Abkommen) war die „braune Plage“, das Jahr 1948 (kommunistische Machtübernahme) die „rote Plage“. Beim Jahr 1989 (Samtene Revolution) sahen sie die „8“ an der falschen Stelle, und 1998 fand Aufnahme, weil da die Tschechen erstmals Eishockey-Olympiasieger wurden.

Wie ein roter Faden zog sich die Thematik „Identität“ durch das Programm – und damit auch gegenseitige Vorurteile. Sei es der Gefühlsmangel bei Deutschen oder die bisweilen noch verbreiteten Nazi-Bezüge. In einem weiteren Lied bezogen sie dazu Stellung, in dem es unter anderem hieß: „Gestern ist nicht heute, wir sind tolerante Leute. Vertrauensvoll, intelligent. Wir schaffen eine bessere Welt!“

Natürlich beleuchteten Horák und Schenker auch ihre eigenen Identitäten und Lebensläufe. Horák kam im Alter von eineinhalb Jahren mit seinen Eltern nach Bayern, wo er auch aufgewachsen ist. Als Erwachsener suchte er nach seinen Wurzeln und kehrte deshalb nach Tschechien zurück. Er stellte fest, dass die beide Identitäten je nach Umgebung Vor- und Nachteile bringen. An der Uni in Prag, wo er Germanistik studierte, fragten ihn die Kommilitonen, weshalb er „aus dem Goldenen Westen nach Tschechien zurückgekehrt“ und nicht in Bayern geblieben sei.

Für Philipp Schenker gibt es eine Steigerung des Stockholm-Syndroms, nämlich das Prag-Syndrom: wegen der Liebe die Heimat (und damit auch ein Stück Identität) aufgeben und zur Geliebten in die Stadt an der Moldau ziehen - ohne Sprachkenntnisse und damit erschwerter Kommunikation. Aber – „Schweizer können sehr tapfer sein“, gab er zu und verriet ein Familiengeheimnis. Die meisten Familienmitglieder von ihn waren und sind Brillenträger. Demnach gehe es nur darum, die richtige Brille aufzusetzen und die Dinge positiv zu sehen. Inzwischen könne Schenker „gut Tschechisch sprechen und die Sachen im richtigen Licht sehen. Und wenn die Brille nicht hilft, dann hilft das Jodeln“, empfahl er. Im Lied „Identität“ resümierten sie, dass es eigentlich egal sei, wo man sich aufhält. Wahre Identität beruhe auf anderen Faktoren.

Als mittelalterliche Ritter gaben sie einen kurzen Sprachkurs. Neben einfachen Begriffen (z.B. hele) nannten sie auch „Ty vole“, das je nach Betonung bzw. Emotion positiv oder auch negativ vom Gegenüber aufgenommen werden kann.

Selbstverständlich kam auch die aktuelle Corona-Pandemie zur Sprache – mit der Folge, dass Künstler derzeit arbeitslos und viele Menschen mit Home-Tätigkeiten überfordert sind und daher noch weniger Zeit für die erfreulichen Dinge haben. Ein mit einem Hirschhorn versehener Mund-Nasen-Schutz bekämpfe zum einen die Viren, zum anderen können die Träger selbst auch miteinander kämpfen.

Horáks und Schenkers Schlussbotschaft lautete, zuversichtlich zu sein, da man bestimmte Dinge sowieso nicht ändern könne. „Lass keine Zeit verrinnen, Du kannst immer neu beginnen!“

Markus Bauer