„Die Kirche muss in Zukunft viel lernen!“

Dritter Themenzoom der Ackermann-Gemeinde mit Pater Dr. Martin Leitgöb CSsR

Auf ein immer größeres Feedback stößt der sogenannte Themenzoom der Ackermann-Gemeinde am Dienstagabend. Bei der dritten Folge dieser Reihe waren 46 Bildschirme in Deutschland, Tschechien und Österreich zugeschaltet. Da es sich bei einem guten Teil um Ehepaare und Familien handelte – was man auch im Bild feststellen konnte, darf man von gut 80 Teilnehmern ausgehen. Diesmal informierte Pater Dr. Martin Leitgöb CSsR, Seelsorger der Deutschsprachigen Pfarrei in Prag, über die pastorale Arbeit in Zeiten von Corona und die Situation in seiner Prager Pfarrei.

 

Pater Dr. Martin Leitgöb CssR bei seinen Ausführungen

Blick auf einen Teil der Teilnehmer

Unter den Zuhörern auch der ehemalige Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde Franz Olbert

Über „neue Gesichter“, darunter auch den ehemaligen Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde Franz Olbert, freute sich Moderator Rainer Karlitschek in seiner Begrüßung und stellte Pater Leitgöb auch in seiner früherer Tätigkeit als Geistlichen Beirat der Sdružení Ackermann-Gemeinde vor.

Der Geistliche würdigte diesen Themenzoom als seine „größte Videokonferenz der letzten Zeit“, zumal er selbst bereits einen Gottesdienst über diese Plattform gefeiert hat. „Die letzten Wochen waren herausfordernd und schwierig – aber man kann auch mit Worten etwas verändern“, stellte der Pater einleitend fest. Der Zugang ändere sich, das Gebet und die Verbindung mit Gott, „das Nachdenken über Gott nimmt einen größeren Platz als vorher ein. Ich habe seit dem Noviziat noch nie so viel gebetet wie jetzt“, bekannte er.

Vor seinen Ausführungen über die Situation in seiner Pfarrei und der Kirche allgemein bot Pater Leitgöb einen geistlichen Impuls anhand des Psalms 103 aus dem Alten Testament. Anhand einzelner Passagen dieses Psalms machte der Geistliche deutlich, dass trotz Corona das Osterfest nicht storniert, sondern „in unseren Herzen, Häusern und Familien“ gefeiert worden sei. „Es gab noch nie so viel Ostern wie 2020“, so der Pater. Auch die Fastenzeit habe er sehr intensiv erlebt, besonders den Bußcharakter. Klar distanzierte er sich von Sichtweisen, wonach die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes sei. „Das ist nicht mein Gottesbild. Gott ist ein großes Geheimnis, wir wissen wenig über Gott – eher, was die Naturwissenschaft und Soziologie sagen“. Demnach stehe fest, dass das Coronavirus sich ausbreitet, „aber nicht, was Gott damit zu tun hat“, machte der Redemptoristen-Pater klar. Zumal auch im Psalm die Güte Gottes besonders betont werde – trotz Schuld und Sünde der Menschen. Dennoch seien Ängste und Sorgen der Menschen um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen und Freunden berechtigt, Leitgöb selbst berichtete von Gesprächen mit Menschen, deren Angehörige an Corona erkrankt oder gar gestorben sind, ebenso von verstorbenen Mitbrüdern seines Ordens in Wien und in Spanien. Und der Seelsorger gab zu bedenken, dass man sich trotz der Schwierigkeiten gerade jetzt am Frühling, am Erblühen der Natur, erfreuen und dies genießen solle. Insofern stehe auch das Frühjahr in gewisser Weise für Heimat, in die Leitgöb – er ist Österreicher – derzeit nicht fahren kann. Es gebe also „viele Gründe, Gott zu loben“, schloss er seinen geistlichen Impuls.

Die Ausführungen über seine aktuelle pastorale Arbeit stellte Pater Leitgöb unter das Motto des vorangegangen Sonntags, der dem Aspekt „Guter Hirte“ gewidmet war. Gerade jetzt gehe es darum, dass der Hirte, also der Seelsorger, seiner Herde vorangeht, er in der Mitte der Herde ist und auch hinter der Herde. Das Vorangehen betreffe die durch die Corona-Krise nötigen neuen Formen der Kommunikation, der Gottesdienste, d.h. Zeichen setzen und Initiativen ergreifen. Die Position inmitten der Herde bedeute, dass der Priester alle Sorgen sowie Freuden der Pfarrmitglieder teilt, denn „es sind Probleme der ganzen Herde“, so der Pater. Er gab auch Stress und manche schlaflose Nacht zu, drückte aber auch seine Freude über regelmäßiges Kochen aus. Das Laufen hinter der Herde bedeute, dass der Seelsorger nicht jede Initiative oder Aktivität selbst setzen muss. „Vieles ist durch die Gemeindemitglieder, selbstständig geschehen. Es war toll und unterstützenswert, dass die Familien miteinander gebetet haben. Das ist in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen. Ich hoffe, dass das Hausgebet, der Familiengottesdienst nun wieder eine Realität der Kirche wird und bleibt“, schloss Pater Leitgöb seine Ausführungen.

Moderator Karlitschek interessierte die Erstkommunionvorbereitung bzw. Begleitung der Erstkommunionkinder. Hier hat Leitgöb einen Gottesdienst via Zoom mit den Kindern und deren Eltern angeboten. Er verwies auch auf ein Hausgottesdienstkonzept des Bistums Würzburg mit Erstkommunionfamilien. Die Kirche muss in Zukunft viel lernen. Es geht nach vorne in eine normale Normalität, die aber etwas anders sein wird. Mit viel Mut nach vorne zu gehen wird notwendig sein“, fasste der Redemptorist zusammen. Auch sprach er sich angesichts der verschobenen Firmungen um eine Erweiterung der Firmspender neben den Bischöfen und Domkapitularen aus.

Etwas kritisch sah der Pater auf Nachfrage von Jean Ritzke-Rutherford die via Livestream übertragenen Eucharistiefeiern – vor allem hinsichtlich des dadurch vermittelten Kirchen- und Priesterbildes. „Es gab einige Gottesdienste, wo nur der Priester am Altar zu sehen war. Der Verzicht auf die Eucharistie, die Quelle und der Hauptpunkt kirchlichen Lebens, ist ein harter Verzicht“, verdeutlichte der Priester. Andererseits wies er auf Diözesen bzw. Regionen in der Welt, in die nur einmal im Jahr ein Priester kommt. Die aktuelle Situation mahne daher auch zur Solidarität mit den Kirchen in eben diesen Regionen. Als positiv würdigte Pater Leitgöb einen vom ernannten neuen Augsburger Bischof Bertram Meier zelebrierten Gottesdienst. Dieser habe die Männer und Frauen, die bei der Gestaltung mitwirkten, namentlich und mit ihren Funktionen vorgestellt.

Als mögliche Lehre für die Seelsorge aus den bisherigen Erfahrungen sieht der Pater die Tatsache, dass die Kirchen „noch mehr zur Basis kommen müssen“. Auch empfahl er, für den weiteren Prozess des Synodalen Weges in Deutschland pastorale Erfahrungen aus der Corona-Krise auszuwerten. Schwierig sei die Mitwirkung von Ruhestandspriestern, die als Risikogruppe in der Pfarrarbeit zumindest in nächster Zeit ausfallen werden.

Markus Bauer