Die ehemalige Stadt Preßnitz: Erst haben die Deutschen ihre Heimat verloren, dann die Tschechen September-Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde mit Veronika Kupková

Den September-Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde (AG) am 1. September gestaltete genau am ersten Tag in ihrem neuen Tätigkeitsfeld Veronika Kupková. Sie ist die neue Geschäftsführerin der Jungen Aktion und von Spirála, der tschechischen Partnerorganisation des Jugendverbandes der AG. In der Jugendarbeit war auch ihr Thema angesiedelt: „Deutsche und tschechische Jugendliche entdecken die Geschichte“. Anhand des von ihr initiierten Schülerprojektes „Preßnitz lebt! Přísečnice žije!“ erläuterte sie diese Thematik.

Das Logo für das Projekt „Preßnitz lebt! Přísečnice žije!“

Veronika Kupková bei ihrem Ausführungen im Themen-Zoom.

Beim Themen-Zoom zeigte Veronika Kupková auch Bilder von Veranstaltungen des Schülerprojektes.

Moderator Rainer Karlitschek stellte die Pädagogin vor, die sich zuvor schon im deutsch-tschechischen Bereich als Autorin des Dokumentarfilms „Generation N: Deutschböhme“ (auf Youtube zu sehen) einen Namen gemacht hat. Während ihres freiwilligen Jahres in der Grünen Schule grenzenlos e.V. Zethau (Sachsen) war sie mit dem Thema der Vertreibung der Deutschen bzw. mit Zeitzeugen in Berührung gekommen. Daraus ist der o.g. Film entstanden, der bereits Bezüge zu Preßnitz, einer ehemaligen Berg- und Musikstadt auf dem Erzgebirgskamm, hat. Das Thema ließ sie aber auch in ihrer nächsten beruflichen Tätigkeit als Lehrerin für Geografie, Sozialkunde und Englisch am Gymnasium in Kaaden nicht los.

Hier begann Kupková, die seitens ihres Großvaters deutsche Wurzeln hat, mit ihren Schilderungen. Sie konnte einen Projekttag zum Thema „Geschichten des Unrechts“ veranstalten, bei dem auch die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland Inhalt war. Zum Projekt gehörten dann auch Zeitzeugengespräche. Besonders die Schülerin Pavlína Kufová, die selbst ihre Wurzeln in der Nähe von Preßnitz im Erzgebirge hat, war davon derart stark beeindruckt, dass sie sich zusammen mit der Mitschülerin Andrea Geisselová stärker in die Materie, d.h. in die Geschichte von Preßnitz, vertiefte. Sie hinterfragten, welche Rolle das verschwundene Preßnitz in der Entwicklung der Region gespielt hat, ob es nötig war, eine Talsperre dort bauen zu müssen (und damit die Stadt auszulöschen) oder wie die Stadt im Gedächtnis der ehemaligen Einwohner geblieben ist.

Anhand einer Zoom-Präsentation zeigte Kupková mit ihren Schülerinnen und Schülern die Geschichte der Stadt Preßnitz sozusagen gestern und heute und vor allem Aussagen aus den Zeitzeugenbefragungen. Die Stadt Preßnitz musste Ende der 1960er Jahre dem Bau einer Talsperre weichen, um die Einwohner im dortigen Egertal mit Trinkwasser zu versorgen. Nicht alltäglich ist hier also der Ansatz, sowohl vertriebene Sudetendeutsche als auch Tschechen, die infolge des Talsperrenbaus ihre Heimatstadt verlassen mussten, nach ihren Eindrücken und Erinnerungen zu befragen. Das alle verbindende Element sei, so Kupková, „das Heimatgefühl, das sie in ihrem Zuhause in Preßnitz fanden“. Als wichtigen Aspekt nannte sie aber auch die Erinnerung an das Bergbau- und Kulturerbe – etwa die am Ende des 19. Jahrhunderts in alle Welt reisenden Musiker aus Preßnitz. Eine Frage blieb am Ende ihrer Projektarbeit für die beiden Schülerinnen aber unbeantwortet: Wieso gibt es bei der Talsperre Preßnitz nichts, was auf die berühmte Stadt und ihre damaligen Einwohner erinnert?

Daraus wiederum entstand eine weitere Projektidee, einen zweisprachigen Naturlehrpfad um das ehemalige Preßnitz – in Kooperation mit der Partnerschule Annaberg-Buchholz – zu bauen. Der Bergbau, altes Kartenmaterial, die Musik oder auch Legenden waren die Inhalte, die durch Gespräche mit ehemaligen Preßnitzern aus dem Heimatkreis Preßnitz vertieft und von den Schülern auch illustriert wurden. Zwar konnte der Lehrpfad letztlich nicht gebaut werden, aber es entstand eine deutsch-tschechische Wanderausstellung „Preßnitz lebt“ – und als Nebenprodukt angesichts des vielfältigen Archiv- und Bildmaterials auch noch ein Buch (erschienen im Herbst 2019, zweite Auflage im Herbst 2020), in dem auch etwa 30 Menschen zu Wort kommen, die zwischen den 1930er und 1970er Jahren in Preßnitz gelebt haben. „Wir wollen für die Ausstellung ‚Preßnitz lebt‘ einen dauerhaften Ort finden, Exkursionen um Preßnitz durchführen, weiter die Menschen vernetzen und inspirieren“, blickte Kupková in die Zukunft. Auf dem Plan steht auch noch, einen gleichnamigen Verein zu gründen.

Moderator Rainer Karlitschek dankte der neuen Mitarbeiterin der Ackermann-Gemeinde dafür, dass dieses von ihr begründete Projekt junge Leute und Zeitzeugen, aber auch Deutsche und Tschechen miteinander verbindet. Preßnitz stehe also nicht nur für die Vertreibung der deutschen Bevölkerung, sondern auch für die Umsiedlung der dortigen tschechischen Bevölkerung.

Markus Bauer