Dialog ist unverzichtbar

Es droht Sprachlosigkeit mitten in Europa. Besonders mit Blick auf die Länder der Visegrád-Gruppe, Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei, ist nach der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 und nach innenpolitischen Weichenstellungen in diesen Ländern festzustellen, dass Dialog schwieriger ist und immer mehr gemieden wird. Professor Dr. András Máté-Tóth aus Szeged, der auch am Brünner Symposium 2018 referieren wird, formuliert Thesen, wie das Verständnis zwischen Ungarn und Deutschland wieder verbessert werden könnte. Diese Gedanken sind auch übertragbar auf den Dialog, der in Europa an vielen Orten notwendig ist.

 

Das ungarische Parlament in Budapest

 

 

Zu einem besseren Verständnis zwischen Ungarn und Deutschland

 

 

Dialog ist Risiko

1. Dialog ist immer ein Risiko. In einem ehrlichen Dialog legen die Partner sich bloß. Ein wahrhaftiges Treffen verändert beide Partner. Ein Dialog zwischen Deutschland und Ungarn, zwischen den Christen und Kirchen aus diesen Ländern darf nicht mehr als Ost-West-Dialog verstanden werden, weil das die langen Schatten der politischen Zweiteilung Europas weiter verlängern würde. Es geht um zwei vielfältige, bunte und uneinheitliche Länder, mit vielschichtigen Erinnerungen, Interessen und Herausforderungen. Die bedrängte Zukunft dieser Länder und auch Europas ist offen, die Lösungsentwürfe sind diskussionswürdige Versuche, ohne über eine absolute und nicht hinterfragbare Wahrheit zu verfügen. Dialog beinhaltet das Risiko, dass der andere Recht hat.

Etikettierungen blockieren

2. Das medienvermittelte Bild über Ungarn ist sehr einseitig – und das Bild über Deutschland in Ungarn nicht weniger. Ungarn wird vor allem durch die ungarische Regierungspolitik und noch mehr durch die politische Linie des Ministerpräsidenten dargestellt. Die Etikettierungen – er sei Nationalist (Süddeutsche), Populist (Frankfurter Rundschau), Feind der EU und der Demokratie (Die Zeit), Putin-Anhänger (Welt), korrupter Oligarch (Spiegel) usw. – weise ich entschieden zurück. Nicht, weil sie völlig unzutreffend wären, sondern, weil sie die Probleme in Deutschland mit Nationalismus, Populismus, EU und so weiter ausladen und auf Ungarn aufladen. Diese Etikettierungen blockieren einen sinnvollen Dialog und verwüsten die europäische Landschaft, in der wir uns zu Hause fühlen. Genauso weise ich die tendenziösen Bezeichnungen über Deutschland und über die Kanzlerin zurück, sie sei unverantwortlich, die Willkommenskultur sei eine Katastrophe für Europa, sie arbeite für die Verwirklichung eines Soros-Plans usw.

Kollektive Verwundungen

3. Ungarn und die weiteren Gesellschaften Ost-Mittel-Europas kann man nicht ohne die kollektiven Verwundungen verstehen. Die Vergangenheitsbewältigung war in Deutschland auch eine Langzeitaufgabe, obzwar hier eine tragische Epoche von etwa 10 Jahren (1933-1945) zur Diskussion stand. Für Ungarn und für die postkommunistischen Gesellschaften ist diese Epoche 40 oder 70 Jahre lang. Der Historikerstreit in Deutschland brach etwa 40 Jahre nach der Shoah aus, es ist nicht verwunderlich und Ungarn auch nicht vorzuwerfen, dass die Akten der Vergangenheit noch offenstehen und die Erinnerungen und Meinungen über diese Vergangenheit die Gesellschaft plagen und spalten. Wenn die kommunistische Epoche in Ungarn als ein Ausnahmezustand in der organischen Gesellschaftsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden kann, dann muss zur Kenntnis genommen werden, dass die tragende politische Schicht dieses Landes nie eine normale Zeit erlebt hat und auf keine demokratischen Langzeittraditionen zurückblicken kann.

Symptome anerkennen

4. Ungarn erlebt zurzeit die dritte Welle der Freiheit nach der Wende von 1990. Die erste Welle der Freiheitsbegeisterung ging bald in die Welle der Ernüchterung über. Und seit der Wirtschafts- und Flüchtlingskrise leben wir in der Welle eines kollektiven Borderline-Syndroms. Leidenschaftliche und vergebliche Suche nach nationaler Identität und staatlicher Souveränität, starke Emotionsschwankungen nach rechts und links, Wutausbrüche, ständige Angst vor dem Verlassenwerden und paranoide Vorstellungen über die Umwelt. Dieser gestörte Zustand schreit nach Therapie. Eine Mentalisierung und kognitive Umorientierung kann helfen, wodurch die inneren Dynamiken dieser lähmenden und selbstgefährlichen Tendenzen aufgedeckt und bewusstgemacht werden. Es geht nur in einem Langzeitdialog, in dem der Dialogpartner das Symptom anerkennt und dadurch das Verhalten des Anderen handhaben kann.

Besondere Rolle der Christen

5. Christen und Kirchen können eine besondere Rolle in dem nötigen Dialog spielen. Sie wissen, was Sünde und Vergebung sind, sie haben spirituelle und rituelle Quellen und Traditionen in der Konfliktlösung. Die katholische Kirche hat eine übernationale Tragweite bei der ehrenvollen Anerkennung der regionalen Kulturvielfalt. Christen und Kirchen sind viel mehr verbunden als getrennt. Deutsche Christen und Kirchen haben sehr starke Beziehungen zu ungarischen Christen und haben unzählbar viel geholfen. Renovabis, Porticus, KAAD und andere Partnerschaften haben ein starkes Fundament für die Tragfähigkeit der deutsch-ungarischen Beziehungen gelegt. Diese vielfältige Tradition des Gabenaustausches ermöglicht einen weiteren Dialog weit über die Höflichkeitsgeste hinweg bis hin zu der Betrachtung der Verwundungen. Dieser Dialog soll vor allem ein religiöser Dialog sein, in dem die Partner sich gemeinsam vor ihren Gott gestellt wissen, den sie als Vater der Barmherzigkeit preisen.

 

Prof. Dr. András Máté-Tóth
Professor für Religionswissenschaft an der Universität Szeged

(Quelle: Deutsche Bischofskonferenz)


Dialog in der Mitte Europas

„Europa zwischen Integration und Zerfall (1918/2018). Wohin steuert Ostmitteleuropa?“. So lautet der Titel des XXVII. Brünner Symposiums „Dialog in der Mitte Europas“ von Ackermann-Gemeinde und Bernard-Bolzano-Gesellschaft, welches Ende März mit über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland, Tschechien, Österreich, der Slowakei, aus Ungarn und Polen stattfand. Unter den Referenten wird auch Prof. Máté-Tóth sein. Auf der Internetseite folgt eine ausführliche Berichterstattung.