Deutsche und Tschechen feiern den neuen Seligen Pater Richard Henkes

Richard Henkes kann jetzt als Seliger angerufen und als Märtyrer verehrt werden: Kardinal Kurt Koch hat den Pallottinerpater aus Ruppach-Goldhausen, der auch in Strandorf/Strahovice im Hultischner Ländchen wirkte und sich für ein Miteinander von Deutschen und Tschechen einsetzte, am Sonntag, 15. September, im Hohen Dom zu Limburg für sein Lebenszeugnis seliggesprochen. Der Kurienkardinal aus Rom verlas als Delegat des Papstes das entsprechende Schreiben von Franziskus, in dem Henkes als „heroischer Zeuge der christlichen Liebe“ und als „unerschrockener Verkünder des Evangeliums“ gewürdigt wird. Pater Henkes hatte unter dem Terrorregime der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Dachau freiwillig sein Leben im Dienst an typhuskranken Mitgefangenen hingegeben. Er war wegen seiner Regimekritik inhaftiert worden. Sein Gedenktag ist auf den 21. Februar festgelegt worden.

Der neue Selige Pater Richard Henkes.

Kardinal Kurt Koch verlas das Apostolische Schreiben zur Seligsprechung.

Nach der Seligsprechung verehrten die Gläubigen die Reliquie des Seligen Pater Richard Henkes.

Rund 250 tschechische Pilger kamen anlässlich der Seligsprechung nach Limburg.

AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr führte in die Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“ bei der Eröffnung am Vorabend der Seligsprechung ein.

Die Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“ in der Pallottinerkirche St. Marien in Limburg.

Begegnung im Bischofsgarten. Peter Hoffmann (Diözesanvorsitzender Limburg), Herwig Steinitz (stellvertretender Bundesvorsitzender) und Matthias Dörr (Bundesgeschäftsführer) im Gespräch mit dem Ostrauer Weihbischof Martin David.

AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr überreichte dem Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing einen Katalog zur Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“. Im Hintergrund Der päpstliche Delegat Kardinal Kurz Koch.

Es war die erste Seligsprechung im Limburger Dom: Zusammen mit Diözesanbischof Dr. Georg Bätzing und dem Generalrektor der Pallottiner Pater Jacob Nampudakam feierten knapp 1500 Gläubige diese ungewöhnliche Premiere. Zudem kamen eigens Vertreter der Ackermann-Gemeinde, unter ihnen der stellvertretende Bundesvorsitzende Herwig Steinitz, der Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr und der Diözesanvorsitzende Peter Hoffmann, und des Vereins „Selige von Dachau e.V.“ nach Limburg. Auch der emeritierte Limburger Weihbischof und früher Vertriebenenbischof Gerhard Pieschl feierte dieses Ereignis mit. Unter den Gästen waren etwa 250 Besucher aus Tschechien, wo Pater Henkes zuletzt wirkte. Sie wurden begleitet von Weihbischöfen Martin David aus Ostrau/Ostrava und Antonín Basler aus Olmütz/Olomouc sowie P. Dr. Jan Larisch, der die Seligsprechung auf tschechischer Seite unterstützt hatte. Die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen war Henkes ein Herzensanliegen. Seine Heimatgemeinde Ruppach-Goldhausen pflegt mit dem tschechischen Strandorf/Strahovice eine Gemeindepartnerschaft. Entstanden ist sie im Zuge des Seligsprechungsverfahrens, das von Bischof em. Franz Kamphaus – auch unter den Mitfeiernden an diesem besonderen Tag – im Jahr 2003 eröffnet worden war. Im Dezember 2018 erkannte Papst Franziskus das Martyrium von Pater Henkes an.

Kurt Kardinal Koch würdigte Pater Henkes in seiner Predigt als „Märtyrer der Nächstenliebe aus Liebe zu Christus“. Liebe, Opfer und Kreuz:  Diese Begriffe seien untrennbar verwoben in Leben und Wirken des Pallottinerpaters, der sich selbst als „Opferpriester“ bezeichnet und dies durch sein Leben bezeugt habe mit der Hingabe bis zum Tod für andere Menschen. Er habe das Wort Gottes nicht nur gelesen und interpretiert, sondern gelebt - als „Kreuzträger für andere“. Und er habe sehr früh und klar wahrgenommen, dass die nationalsozialistische Ideologie mit dem christlichen Menschenbild nicht zu vereinbaren ist. Deshalb sei Henkes immer wieder in Konflikt mit dem Nazi-Regime geraten, von der Gestapo verhört und schließlich inhaftiert worden, zunächst in Isolation in Ratibor/Racibórz, später in Dachau.

Jesus habe die an ihm geübte Gewalt in Liebe umgewandelt, so Kardinal Koch. Pater Henkes folge Jesus in „Ur-Martyrium“ des Kreuzes nach. Dabei habe er genauso wie Jesus das Martyrium nicht gesucht, denn „das christliche Martyrium ist keineswegs von Todessehnsucht und Lebensverachtung geprägt; sein entscheidendes Merkmal ist vielmehr die Liebe“.

„Ein großes Geschenk Gottes“ nannte Pater Jacob Nampudakam die Seligsprechung. Es sei eine Ermutigung, „überall und ohne Angst für den christlichen Glauben einzutreten und die unendliche Liebe Gottes zu allen Menschen, besonders zu den Verfolgten, Schwachen und Kranken zu bezeugen“. Henkes sei ein leuchtendes Beispiel, das weltweit dazu aufrufe, für die Würde des Menschen einzutreten. Und als Brückenbauer zwischen Tschechen und Deutschen lehre er uns, nationale und ethnische Grenzen zu überwinden und für den Frieden zwischen den Völkern einzutreten.

Auch für Bischof Georg Bätzing ist der Pallottinerpater Vorbild und Ermutigung. „Seine Entschiedenheit, sein Einsatz für das Evangelium, für Wahrheit und Versöhnung wollen uns Orientierung geben.“ Dass es ein besonderer Tag für die Kirche und ihn ist, sagte er bereits zur Begrüßung im Dom: „Was hier und heute geschieht, das bewegt unsere Herzen sehr, aber es hat auch Bedeutung für die Kirche der ganzen Welt.“ Die Bedeutung der Beziehungen zu Tschechien zeigte sich im Festgottesdienst durch eine Lesung und durch Fürbitten in tschechischer Sprache. Auf Vermittlung der Ackermann-Gemeinde geht zudem die Hälfte der Kollekte ins Bistum Ostrau-Troppau/Ostrava-Opava für die kirchliche Jugendarbeit.

Nach einem Fest bei strahlendem Sonnenschein im Bischofsgarten gab es ein gemeinsames Abendlob in der voll besetzten Pallottinerkirche St. Marien in Limburg. In dieser Kirche wurde bereits am Vorabend die Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“ eröffnet. Sie stellt zehn Personen vor, die sich als Christen in den Jahren 1938 bis 1945 in den böhmischen Ländern gegen das NS-System gestellt haben. P. Henkes ist einer von ihnen.

Peter Hoffmann, Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde im Bistum Limburg, misst dieser Ausstellung eine doppelte Bedeutung zu: „Sie würdigt zum einen wenig bekannte Märtyrer und macht auf ihr Schicksal, aber auch auf ihr Glaubenszeugnis aufmerksam.“ Zugleich hebt der Diözesanvorsitzende hervor, dass die vorgestellten Lebenswege „uns Christen Mut machen und uns Inspiration für unser Engagement heute sein können, ja sollen.

Die Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“ fängt die Lebenszeugnisse in Texten und Bildern auf hölzernen und bedruckten Stelen ein. Diese stehen den Besuchern als Beispiel und Vorbild gegenüber. Entstanden ist die Ausstellung in einem deutsch-tschechischen Kooperationsprojekt der Ackermann-Gemeinde, der tschechischen Sdružení Ackermann-Gemeinde und der Tschechischen Christlichen Akademie in Prag. Für Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr, der zur Eröffnung in die Ausstellung einführte, schlägt die Ausstellung eine Brücke in die Vergangenheit, als Christen für menschliches Verhalten ihr Leben riskieren mussten. Die Ausstellungspräsentation und die Seligsprechung von Pater Richard Henkes in Limburg seien ein „deutsch-tschechischer Brückenschlag“. Er hoffe, dass die Ausstellung Anregungen dazu gibt, „was es heute bedeutet, für Menschlichkeit einzustehen.“ Die Ausstellung ist in Limburg noch bis zum 6. Oktober zu sehen.

Richard Henkes wurde am 26. Mai 1900 in Ruppach-Goldhausen im Westerwald geboren. Er wollte schon früh Missionar und Priester werden. Ab 1912 besuchte er die Nachwuchsschule der Pallottiner in Vallendar-Schönstatt. Der Weg zum Abitur wurde unterbrochen durch den Dienst in der Wehrmacht in Darmstadt. 1919 trat er in das Noviziat der Pallottiner in Limburg ein, studierte dort Philosophie und Theologie und wurde am 6. Juni 1925 zum Priester geweiht. Er wirkte als Lehrer und Seelsorger in den Studienheimen der Gemeinschaft in Vallendar-Schönstatt und Alpen (Niederrhein). Ab 1931 war er Lehrer in Schlesien, zunächst in Katscher/Kietr, ab 1937 in Frankenstein/Ząbkowice Śląskie. Immer mehr wirkt er auch als Wallfahrtsprediger und Exerzitienbegleiter. Da er deutlich das christliche Menschenbild gegenüber dem des Nationalsozialismus betonte, geriet er immer mehr in Konflikte mit dem Nazi-Regime. 1941 wurde er aus dem Schuldienst genommen und wurde Pfarrer in Strandorf/Strahovice im Hultschiner Ländchen. Hier wurde er mit der angespannten Situation zwischen der deutschen und der tschechischen Bevölkerung vertraut und suchte die Vermittlung. 

Am 8. April 1943 wurde er wegen einer Predigt in Branitz/Branice verhaftet und nach kurzem Gefängnisaufenthalt in Ratibor/Racibórz nach Dachau verbracht. Im KZ lernte er den späteren Erzbischof von Prag, Josef Beran, kennen und erlernte bei ihm tschechisch, um nach dem Krieg wieder im Hultschiner Ländchen wirken zu können. Schon in Dachau kümmerte er sich um Häftlinge aus Tschechien. In der Typhusepidemie Ende 1944 /Anfang 1945 pflegte er die Kranken und ließ sich freiwillig in einem Quarantäneblock einschließen. Er infizierte sich und starb am 22. Februar 1945.

ag