Deutsch und Tschechisch - Cousinensprachen

Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde zu Germanismen in der tschechischen Sprache

Zum Termin des Schulbeginns in Tschechien am 1. September bot die Ackermann-Gemeinde in ihrem inzwischen monatlichen Kulturzoom sozusagen ein Thema aus dem weiteren Bereich des Schul- und Bildungsbereiches. Dr. Jan Kvapil informierte unter dem Titel „Von fotr zu cukr - wie Germanismen die tschechische Sprache bereichern“ über das Vorkommen deutscher Begriffe in der tschechischen Sprache.

 

Blick auf einen Teil der auf den Bildschirmen zugeschalteten Frauen und Männer. Dr. Jan Kvapil ist in der oberen Reihe in der Mitte, Moderatorin Sandra Uhlich links.

Ein Beispiel aus dem Germanismenquiz: brýle – Brille.

Blick auf einen Teil der auf den Bildschirmen zugeschalteten Frauen und Männer. Dr. Jan Kvapil ist in der oberen Reihe in der Mitte.

 

Den Referenten des Abends stellte Moderatorin Sandra Uhlich kurz vor. Dr. Jan Kvapil ist Aussiger, beruflich derzeit aber am Institut für Germanistik an der Philosophischen Fakultät der J.E. Purkyně-Universität in Aussig/Ústí nad Labem tätig. Besonders interessiert er sich für deutsch-böhmische Literatur, vor allem ältere Barockliteratur. Seit 2017 ist er zudem Koordinator des Zentrums für die Förderung der deutschen Sprache und der interkulturellen Bildung CEPRONIV, weshalb auch internationale Beziehungen für ihn von Bedeutung sind. Nicht alltäglich, ja seine – wie er selbst sagt – „Herzensangelegenheit“, ist außerdem seine umfangreiche Sammlung an tschechischen und deutsch-böhmischen Gesangs- und Gebetbüchern ab dem 17. Jahrhundert, über die er auch wissenschaftlich arbeitet. Höchstens in tschechischen Metropolen bzw. Universitätsstädten Prag, Brünn und Olmütz mag es größere Bestände geben. Außerdem hat Kvapil in der Vergangenheit an Veranstaltungen der Sdružení Ackermann-Gemeinde teilgenommen, so dass ihm der Verband auf tschechischer und deutscher Seite bestens bekannt ist. Ganz aktuell ist sein Engagement als Sprecher für die „Samstage der Nachbarschaft“.

Diese Initiative, in die sich auch die Ackermann-Gemeinde einbringt, stellte Kvapil kurz noch einmal vor. „Ziel war es zu zeigen, dass die Grenzsperrung ein Blödsinn war. Auf allen Seiten der Grenzen im mitteleuropäischen Raum leben dieselben Menschen. Wir wollen zeigen, dass wir offene Grenzen brauchen“, verdeutlichte der Referent.

Doch zurück zu den Germanismen in der tschechischen Sprache. Kvapil brachte dies den 72 zugeschalteten Frauen und Männern anhand eines Quizes mit Bildern der Studentin Adéla Bierbaumer nahe. Mehrere Aspekte wurden bereits bei diesen rund 30 Beispielen deutlich: Einflüsse aus anderen Sprachen (nicht nur Bruder- bzw. Schwestersprache) oder aus Mundarten bzw. der Umgangssprache. Damit verbunden Bedeutungsverschiebungen (bis hin zur Minderwertigkeit eines Begriffs oder Verwendung als Schimpfwort) durch die Übernahme aus der anderen Sprache. „Über die deutschsprachigen Länder sind viele neue Erscheinungen bzw. Dinge gekommen, und man hat die Namen und Bezeichnungen übernommen“, erläuterte Kvapil. Mitunter wurde aber auch eine einzelne Person bzw. deren Name als Begriff übernommen wie beim Räuber Johann Georg Grasel, dessen tschechische Schreibweise grázl zum Synonym für Gauner wurde. Viele Germanismen gibt es in den Feldern Kirche, Essen und Trinken sowie Verwaltung/Finanzwesen, wobei der Vortragende zugab, dass Tschechen den Umlaut „Ü“ nur schwer aussprechen können, weshalb aus „Münze“ im Tschechischen „mince“ wurde. Die Ähnlichkeit eines Bergmanns mit einem Gartenzwerg führte – wohl über das Erzgebirge – zum Wort „permoník“, die vielen Schätze und Güter der ehemals zur Habsburger-Monarchie gehörenden norditalienischen Stadt Mailand zum tschechischen Wort „majlant“ für Reichtum.

Diese Germanismen („Entlehnung aus dem Deutschen in eine andere Sprache“ – Duden) finden sich im Tschechischen demnach als Lehnwort, Fremdwort oder in einer wörtlichen Übersetzung (meist im 19. Jahrhundert entstanden). Die Bedeutung der Germanismen kann deckungsgleich, mit Bedeutungsverschiebung oder völliger Bedeutungsveränderung (bis hin zum Schimpfwort) reichen. Als besonders fruchtbare Epochen bzw. Bereiche nannte der Referent das Mittelalter mit dem damaligen Militärwesen bzw. der höfischen Kultur (wo es aber auch Bohemismen bzw. Tschechismen gab – Pistole, Haubitze bei den Hussiten). Auch die Christianisierung trug wesentlich dazu bei, ebenso Aspekte wie das Stadtrecht in der frühen Neuzeit durch die Gründung vieler Städte seitens der deutschen Siedler oder der Bergbau, das Hüttenwesen sowie das Handwerk. Ein weites Feld für Germanismen bietet in der Neuzeit der Bereich Küche, wo sich deutsche, österreichische und bayerische Begriffe festsetzten – aber es gibt auch Bohemismen (Kolatschen, Buchteln usw.). Schließlich finden sich Germanismen im Komplex Unterhaltung und Spiele, ebenso bei negativen sozialen Verhaltensweisen. Spezielle Begriffe, genauer gesagt Fremdwörter, stammen aus der Zeit des Protektorats wie zum Beispiel „anšlus“, wobei diese Wörter heute – falls sie verwendet werden - eher einen abwertenden Gehalt aufweisen. „Bis zur heutigen Zeit gibt es Begriffsübernahmen oder Germanismen“, schloss Kvapil diesen Teil seiner Ausführungen und belegte dies mit Wörtern wie „bundesliga“ oder „gastarbeiter“, auch wenn der Wortakzent im Tschechischen anders ist. Als ganz aktuelles Beispiel aus der Corona-Krise nannte er den nun auch in die tschechische Sprache aufgenommenen Begriff „Kurzarbeit“ bzw. „kurzarbeitu“ – im Tschechischen maskulin. Am Beispiel „Cukr/Zucker“ verdeutlichte er, dass die Ursprünge eines Wortes mitunter historisch viel weiter zurückliegen können – in diesem Fall bis ins Altindische. Nicht fehlen durften Sonderfälle wie Kneipe bzw. Beisl. Kvapils Fazit: „Deutsch und Tschechisch sind keine Brüder- oder Schwesternsprachen – aber sie könnten zumindest Cousinensprachen sein!“

Wer im Besitz eines  alten tschechischen oder böhmischen Gesangs- bzw. Gebetbuches ist und dazu eine Expertise benötigt, kann sich an Jan Kvapil wenden, der gerne auch solche Schriftwerke – falls sie die jetzigen Besitzer nicht mehr benötigen – für seine Sammlung aufnimmt (gerne auch in digitaler Form).

Markus Bauer