Corona-Entwicklung in Tschechien: „Die Glaubwürdigkeit leidet sehr“

Der aktuellen Corona-Situation in Tschechien widmete sich der jüngste Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde am 3. November. Zu Gast war die Prager Journalistin Bára Procházková. Das Nachbarland gehört zu den Staaten in Europa mit den höchsten Zahlen an Neuerkrankungen. Vor dem Hintergrund, dass die Tschechische Republik im Frühjahr mit guten Werten aufwartete, analysierte die Journalistin unter dem Titel „Vom Musterschüler zum Sorgenkind. Tschechien und die zweite Corona-Welle“ die Entwicklung und stellte sich den Fragen der über 100 zugeschalteten Zuhörer.

 

Blick auf einen Teil der zugeschalteten Zuhörerinnen und Zuhörer.

Bára Procházková bei ihren Ausführungen.

Die Lage in den tschechischen Krankenhäusern interessierte Niklas Zimmermann.

Den Vergleich zur Pandemie-Bekämpfung in Südostasien zog Prof. Dr. Bernhard Dick.

Keine Unbekannte ist Bára Procházková bei der Ackermann-Gemeinde. Als Sprecherin gehörte sie unter anderem dem deutsch-tschechischen Jugendforum an. „Sie ist also mit deutsch-tschechischen Aspekten bestens vertraut“, erklärte Moderator Rainer Karlitschek. Auch beim Symposium in Brünn wirkte sie einige Male als Moderatorin von Podiumsgesprächen mit. Sie studierte Politikwissenschaft und Osteuropastudien an der Universität Hamburg. Beruflich war sie unter anderem als Redakteurin beim Tschechischen Rundfunk ČRo und beim Magazin „Respekt“ tätig. Seit einigen Jahren ist sie Chefin vom Dienst des Internetportals ČT24.cz, des Nachrichtensenders des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens ČT. Derzeit befindet sie sich aber in Elternzeit, weshalb sie trotz wichtiger politischer Ereignisse, wie dem Attentat in Wien und der US-Wahl, den Zoom der Ackermann-Gemeinde wahrnehmen konnte.

Einleitend stellte Karlitschek fest, dass Tschechien neben Belgien die höchste Zahl an Covid19-Infizierten aufweise und in der Tschechischen Republik seit dem 5. Oktober der Notstand gilt. Eine „hohe Sterberate und viele Infizierte“ bestätigte Procházková, ebenso aktuell weit über 7.000 in Kliniken zu behandelnde Patienten, obwohl nur 7.000 Plätze verfügbar sind. Die Journalistin ging auf die zunächst bis 20. November geltenden Lockdown-Rahmenbedingungen ein: geschlossene Schulen und Geschäfte, außer Einkauf von zum Leben und Alltag unbedingt nötiger Dinge, sowie Maskenpflicht auch draußen, außer in der Natur bzw. zum Sport.

Im Frühjahr habe Tschechien „sehr schnell und stark“ reagiert, trotz damals nur ca. 100 Kranken im ganzen Land, blickte Procházková zurück und nannte die damalige Grenzschließung und die Vorreiterrolle beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. „Es war streng bis übertrieben“, stellte sie fest und verwies etwa auf die Maskenpflicht sogar für neugeborene Kinder oder in familiären Situationen bzw. beim Spazierengehen im Wald. Zum einen hätten natürlich Berichte aus Italien dazu beigetragen, zum anderen sei der damalige stellvertretende Gesundheitsminister Roman Prymula ein Epidemiologe gewesen. Und Ministerpräsident Andrej Babiš habe die Pandemie theatralisch mit kriegstypischen Worten begleitet. Mit Ende des damaligen Notstandes Ende Mai habe dann, so die Journalistin, „alles geendet, Corona war aus den Köpfen und Medien, die Rhetorik der Politiker verschwunden“. Dies war verbunden mit der Meinung, dass keine zweite Welle komme. Entsprechend habe es auch im Sommer keine Beschränkungen oder Vorbereitungen auf den Herbst und Winter gegeben. „Alle Bars, Restaurants usw. waren offen, selbst im August im Kurbad war alles normal außer Desinfektionsgel“, schilderte Procházková aus eigenen Erfahrungen. Als die Infiziertenzahl wieder stieg, seien sich die Verantwortlichen sicher gewesen, „alle Fälle aufzuspüren“. Schließlich hätten Ende August Urlaubsrückkehrer aus Kroatien für einen dramatischen Anstieg der Zahlen gesorgt. Die „Explosion der Zahlen“ machte die Journalistin am Start der Schule und der Arbeitssaison nach der Urlaubs- und Ferienzeit fest. Zwar habe das Gesundheitsministerium unter Minister Vojtěch Adam eine erneute Maskenpflicht empfohlen, doch Ministerpräsident Babiš dies widerrufen, da nach seiner Meinung kein Anlass dazu bestanden habe. Trotz des Zusammenbruchs des für Hygiene zuständigen Amtes habe der Premierminister keinen Krisenstab eingesetzt. Erst nach den am 3. Oktober stattgefundenen Regional- und Senatswahlen in Tschechien seien Maßnahmen ergriffen und ein erneuter Lockdown verkündet worden.

Unverblümt sprach Procházková von „Chaos bei der Regierung und bei ihrer Kommunikation“, es habe keine Orientierung gegeben. „Die Glaubwürdigkeit leidet sehr“, ergänzte sie. Einen Grund hierfür sieht sie daran, dass die Vorschriften zur Quarantäne von führenden Politikern nicht eingehalten wurden und Politiker ohne Maske und in eigentlich geschlossenen Kneipen unterwegs waren, was den Rücktritt des (damals bereits zweiten) Gesundheitsministers Prymula zur Folge hatte. Darüber hinaus würden die Tests und Ergebnisse sehr lange dauern, weshalb sich die Menschen nicht testen lassen wollen. „Früher war es die Angst, jetzt dominieren Chaos und Unzufriedenheit mit der Lage und mit der Regierung“, fasste die Journalistin zusammen. Auch wenn ganz aktuell die Infektionsrate etwas zurückgehe, bleibe die Sterberate hoch, da immer mehr auch Senioren- und Pflegeheime betroffen sind.

Die Frage von Matthias Dörr, ob bei den Maßnahmen im Frühjahr auch die damaligen Proteste gegen Babiš eine Rolle gespielt hätten, bejahte Procházková. Niklas Zimmermann interessierte die aktuelle Lage in tschechischen Krankenhäusern und ob Tschechien auf das Angebot von Sachsen und Bayern zurückgreifen wolle, tschechische Covid-19-Patienten eben in Sachsen oder Bayern zu behandeln. Hierzu erklärte die Journalistin, dass momentan zwei Feldlagerkrankenhäuser in Prag und Brünn errichtet werden. Als Problem in Tschechien sieht sie, dass vielfach Patienten in den Krankenhäusern sind, die auch zuhause behandelt werden könnten. Andererseits würden zunehmend Medizinstudenten in den Kliniken und Aushilfskräfte in Teststationen herangezogen.

Die besseren Erfolge südostasiatischer Staaten im Kampf gegen Corona sprach Prof. Dr. Bernhard Dick an und damit unter anderem ein „strenges Nachverfolgungsreglement, das von den Leuten auch akzeptiert wird“. Damit einher gehe der Aspekt „Freiheit“ und die Bereitschaft, in Krisenzeiten etwas davon aufzugeben. Über die Teststrategie in Tschechien wollte Benedikt Peter Details wissen. „30.000 Tests am Tag mit schnellen Terminen und Ergebnissen. Das Problem ist, dass sich die Leute nicht testen lassen, weil sie im Fall eines positven Befunds nicht in die Quarantäne möchten“, erklärte Procházková. Nach Virusleugnern und dem Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen fragte Sandra Uhlich. Es gebe keine Strömungen, sondern eher Einzelphänomene – zum Teil auch einige Stars und Sternchen, antwortete die Redakteurin.

Markus Bauer