„Blutzeugen öffnen uns Augen und Ohren“

Eine von der Ackermann-Gemeinde im Jahr 2013 im Gedenkraum der KZ-Gedenkstätte aufgehängte Gedenktafel weist auf das Schicksal der schon kurz nach dem Münchner Abkommen deportierten Sudetendeutschen hin. 80 Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrages erinnerte die Ackermann-Gemeinde (AG) in einem ökumenischen Wortgottesdienst an die vielen in Dachau inhaftierten und getöteten Opfer des NS-Regimes zwischen 1938 und 1945.

Tafel der Ackermann-Gemeinde im Gedenkraum der KZ-Gedenkstätte Dachau

Msgr. Dieter Olbrich sprach in der Todesangst Christi-Kapelle ein Gebet.

Am Altar in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau

Der Gottesdienst stieß bei strahlendem Herbstwetter auf reges Interesse. Unter den Ehrengästen waren die tschechische Generalkonsulin Kristina Larischová, der – wie am Abend dann klar wurde – wiedergewählte Dachauer Stimmkreisabgeordnete Bernhard Seidenaht, der oberbayerische Bezirkstagspräsident Josef Mederer, die stellvertretende Dachauer Landrätin Marianne Klaffki und für die Sudetendeutsche Landsmannschaft die Pressereferentin Hildegard Schuster.

Der Gottesdienst begann in der Todesangst-Christi-Kapelle, wo die evangelische Pfarrerin Claudia Mühlbacher die Gäste begrüßte. Sie rief die Ereignisse zwischen Ende September 1938 und 15. März 1939, das Münchner Abkommen, die Angliederung der Sudetengebiete ans Deutsche Reich, den Einmarsch in das restliche Gebiet der Tschechoslowakei und die Errichtung des „Protektorats Böhmen-Mähren“, in Erinnerung. Sie vergaß auch die damit einhergehenden Ereignisse nicht: Verbot und Auflösung sudetendeutscher Parteien und Vereinigungen, Übernahme der Verwaltung durch die Wehrmacht, Einstellung der finanziellen Unterstützungen der Geistlichen, Beseitigung der freien Presse, Errichtung von Gestapo-Stellen, Terrorisierung und Verfolgung von NS-Gegnern. „Wir erinnern uns heute besonders an 2500 Sudetendeutsche, die zwischen den Jahren 1938 und 1945 in das KZ Dachau verschleppt worden sind“, nannte die Pfarrerin die konkrete Zahl. Diese Menschen seien ihrer Freiheit und Träume beraubt, misshandelt und ausgebeutet worden. „Sie wurden aus ihren Familien gerissen und haben zutiefst Ungerechtigkeit erfahren“, vertiefte Mühlbacher. Als besonderes Beispiel nannte sie den im KZ Dachau verstorbenen Pater Engelmar Unzeitig. „Viele überlebende sudetendeutsche Häftlinge kamen nach Flucht und Vertreibung, nach weiteren traumatischen Erlebnissen, aus ihrer Heimat nach dem Krieg wieder nach Dachau. Manche wohnten in den 50er Jahren im Flüchtlingslager auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers“, erläuterte die Pfarrerin. Die Erinnerung an all diese Menschen sei daher Anlass und Motivation für Wachsamkeit und täglichen Einsatz für Menschlichkeit heute und mahne, „Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen, Intoleranz nicht kleinzureden und für Frieden zu beten“.

Der katholische Seelsorger an der KZ-Gedenkstätte Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, Pater Andreas Rohring CMM (Missionare von Marianhill), der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde und Präses der sudetendeutschen Katholiken Monsignore Dieter Olbrich, Adriana Insel aus dem AG-Bundesvorstand, AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr und Pfarrerin Mühlbacher zündeten danach Kerzen für deutsche und tschechische in Dachau inhaftierte bzw. getötete Opfer an: für den Holzhauer Franz Gruber aus Sattelberg, der bereits am 12. Oktober 1938 als einer der ersten Sudetendeutschen in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurde und 38-jährig am 24. November 1938 hier starb. Die Erinnerung galt Pater Engelmar Unzeitig, der am 21. April 1941 von der Gestapo verhaftet und am 8. Juni 1941 in das Konzentrationslager Dachau kam. 1944 sorgte er sich um die vom Flecktyphus befallenen Häftlinge und starb selbst am 2. März 1945, einen Tag nach seinem 34. Geburtstag, an dieser Epidemie. Ins Gedächtnis gerufen wurde Josef Kardinal Beran, der nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich im Juni 1942 von den NS-Machthabern als Geisel verhaftet wurde und nach einigen anderen Gefängnissen ins KZ Dachau kam. Zwar überlebte er das KZ, war aber in der Folge schwersten Ausgrenzungen und Verfolgungen durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei ausgesetzt – bis hin zur Ausweisung. Er starb am 17. Mai 1969 in Rom. Das Gedenken galt dem Leiter des Jugendverbandes YMCA Jaroslav Šimsa, der zusammen mit anderen ein Widerstandsnetz gegen die deutschen Besatzer aufgebaut hatte. Er wurde im August 1943 ins KZ Dachau verschleppt und starb dort am 8. Februar 1945 an Flecktyphus. Eine Kerze wurde schließlich auch für Wenzel Bartl entzündet, der sich für antifaschistische und jüdische Flüchtlinge einsetzte und in einer Publikation die Zustände in den Konzentrationslagern beschrieb. Im Alter von 55 Jahren starb er am 10. März 1940 im KZ Dachau. Die sechste Kerze sollte schließlich an das Leid vieler weiterer in unterschiedlichen Kontexten verfolgten Menschen erinnern. Mit dem von Pastoralreferent Schmidinger verlesenen Psalm 109 endete der Teil des Wortgottesdienstes in der Todesangst-Christi-Kapelle, die Gottesdienstteilnehmer marschierten danach still zur benachbarten evangelischen Versöhnungskirche.

Auf Psalm 109, d.h. dessen Inhalt und Bedeutung, nahm Pastoralreferent Schmidinger auch in seiner Predigt Bezug. „Die, die da drohen und verwünschen, berufen sich auch noch auf den Herrn. Von solcher Art dürften auch die Empfindungen der meisten Menschen gewesen sein, die hier in das Konzentrationslager eingeliefert wurden oder auch anderswohin verschleppt wurden“, führte Schmidinger aus. Auch er verwies auf die über 2500 Menschen aus dem Sudetenland, die im KZ Dachau eingesperrt waren - „mindestens 76 überlebten das Lager nicht“. Der Pastoralreferent erinnerte an einen Vortrag, den Dr. Otfrid Pustejovsky hier vor zehn Jahren hielt, bei dem er seine eigenen Erlebnisse im September 1946 schilderte, aber vor allem Opfer ins Gedächtnis rief: Pater Engelmar Unzeitig, Pfarrer Hochwälder, Hans-Georg Hentschel-Heinegg oder Roman Scholz. Einige Sätze aus Scholz‘ letzten Brief vor seiner Hinrichtung zitierte Schmidinger. „Nicht zuletzt die Blutzeugen sind es, die uns Augen und Ohren öffnen können für den klaren Blick und das deutliche Wort, damit wir sehen und hören, was recht ist, und erkennen und unterscheiden können, wo Glaube und Vertrauen missbraucht oder verraten wird – und wie Glaube und Vertrauen in Treue gelebt wurde. (…) Immer wieder sind wir darauf angewiesen, dass Gott uns selbst entgegenkommt, durch sein Wort und durch die Begegnung und das Zeugnis anderer Menschen“, schloss er seine Ansprache.

Gemeinsam sprachen die Gottesdienstbesucher nach der Predigt das Credo von Dietrich Bonhoeffer. Anstelle der Fürbitten beteten die drei Seelsorger und Pater Rohring CMM sowie Adriana Insel und Matthias Dörr das Gebet um Frieden von Jaroslav Šimsa. Šimsa hat dieses 1941 als Häftling verfasst. „Das Gebet und die Bitten von Jaroslav Šimsa führen uns die Sorgen und Nöte der Zeit des Krieges, der Verfolgung und des Leides vor Augen. Doch mit dem Krieg waren die Sorgen, die Nöte, das Leid nicht vorbei. Viele Menschen – vor allem auch aus dem Sudetenland – mussten ihren Besitz, ihre Gewohnheiten, ihre Heimat zurücklassen. Auf beschwerlichen, bedrohlichen Wegen sind sie nach Deutschland gekommen, haben geliebte Menschen und alle Sicherheiten verloren“, ergänzte Pfarrerin Mühlbacher. Sie rief zum Abschluss vor dem gemeinsamen „Vater unser“ zu einem Moment des Gebets in Stille für Verständigung und Versöhnung auf.

Dem Wortgottesdienst schloss sich ein Gedenken im Gedenkraum der KZ-Gedenkstätte an. Hier legten Adriana Insel für die Ackermann-Gemeinde und die tschechische Generalkonsulin Larischová Blumen unter der Gedenktafel der Ackermann-Gemeinde nieder. Matthias Dörr wies auch auf die Gedenktafel der Seliger-Gemeinde hin. Mit einem Text von Martin Niemöller, den Matthias Dörr vortrug, endete dieses Gedenken.

Markus Bauer