Aufstehen und entgegentreten. Tschechen und Deutsche diskutieren über Einsatz für eine bessere Gesellschaft

Es braucht Mut, um historische Tabus aufzubrechen, gegen Hass und Extremismus aufzustehen und die Stimme für Bedrängte zu erheben. Die Gesellschaft lebt von einem solchen selbstbewussten und reflektierten Einsatz. Engagierte Bürger tragen so auch zum Zusammenhalt in der Gesellschaft bei. Im Rahmen des Festivals „Meeting Brno“ lud die Ackermann-Gemeinde zu einer Diskussion unter dem Titel „Aufstehen und entgegentreten. Einsatz für eine bessere Gesellschaft“ ein. Zu Wort kamen drei Personen aus Tschechien und aus Deutschland: der tschechische Historiker Dr. Matěj Spurný, der Künstler Lukáš Houdek aus Mies/Stříbro in Westböhmen und der evangelische Pfarrer Lothar König aus Jena.

Diskutierten in Brünn (v.l.): Pfarrer Lothar König, Dozent Dr. Matěj Spurný, Lukáš Houdek und Moderatorin Alena Scheinhostová.

Blanka Návratová begrüßte als Programmdirektorin für das Festival Meeting Brno.

Auch das Publikum, wie hier AG-Bundesvorstandsmitglied Christopgh Lippert, konnte sich in die Diskussion einbringen.

Pfarrer Gotthard Lemke aus Jena schloss den Abend mit drei Liedern ab.

Eingangs begrüßte die Programmdirektorin Blanka Návratová das Publikum, da ebenfalls aus Tschechien und Deutschland kam, in den Räumlichkeiten der Brünner Pfadfinder. Die Vorstellung der Diskutanten über nahm die Moderatorin, die tschechische Journalistin Alena Scheinostová.

Matěj Spurný ist Dozent für Zeitgeschichte an der Prager Karlsuniverität und Gründungsmitglied des Vereins Antikomplex, der sich der kritischen Auseinandersetzung der eigenen Geschichte verschrieben hat. In seiner Jugend verbrachte er viel Zeit im Riesengebirge und stieß so auf die deutsche Geschichte dieser Region. „Diese war in den 1990er Jahren ein marginalisiertes Thema. Es hat mich interessiert und so bin ich auf das Thema der Vertreibung der Deutschen gestoßen“, berichtete Spurný. Hinzu kamen eigene jüdische familiäre Wurzeln mit Erzählungen aus Theresienstadt und Auschwitz. Auch nach dem Beginn der universitären Laufbahn war dem habilitierten Historiker die Wissenschaft nicht genug. „Ich lebe im Spannungsfeld zwischen bürgerlichen Aktivismus und Wissenschaft.“ Für seine Beschäftigung mit tabuisierten historischen Themen sowie mit klaren Stellungnahmen, beispielsweise darüber, dass Migration ein natürlicher Vorgang sei, stoße er immer wieder auf Unverständnis bis hin zu verbalen Angriffen. Er plädiert dafür „nicht ohne eigene Meinung, aber ohne Vorurteile“ zu sein.

Auch der Künstler und Fotograf Lukáš Houdek wurde durch seine Herkunft geprägt. Schon als Kind sei er gemobbt worden, weshalb er sich mit Roma solidarisierte, die auch Diskriminierung erfuhren. Auch habe er in seinem Heimatsort, Mies/Stříbro, eine negative Stimmung gegen Deutsche gespürt. Dies führte dazu, dass er sich künstlerisch der Vertreibung der Deutschen annahm. In der Ausstellung „Die Kunst des Tötens“ stellte er auf Fotografien Nachkriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung nach. Die Darstellungen wurden auch öffentlich auf großen Plakaten am Prager Moldauufer gezeigt. „Das Projekt hat großen Widerhall gefunden, für mich war jedoch die Hölle,“ bilanziert Houdek mit Blick auf die zum Teil hasserfüllten Reaktionen. Auch andere Projekte, wie „Das Geschenk“, widmeten sich dem deutschen Erbe, wenn auch nicht mit der „Schock-Methode“, sondern „als tiefere und sehr persönliche Annäherung“.

Ebenfalls viel öffentliche Aufmerksamkeit für sein Engagement war dem Jenaer evangelischen Pfarrer Lothar König garantiert. Bereits mit 15 Jahren, im Jahr 1969, schrieb er „Dubček“ an die Wand und kam mit der Stasi in Konflikt. In Merseburg organisierte er 1989/90 in Montagsdemonstrationen und leitete von 1990 bis 2019 die Junge Gemeinde im thüringischen Jena. „Ich will Menschen gewinnen, die schon abgeschrieben sind,“ beschriebt er sein Ziel. „Für die Junge Gemeinde haben wir viele gewonnen und sie sind bei uns aufgeblüht“, so das Fazit des Pfarrers. Die Junge Gemeinde wurde unter seiner Leitung zum Zufluchtsort für Jugendliche, die als Linke oder wegen ihres Aussehens von Neonazis bedroht und angegriffen wurden. Er engagiert sich gegen Rechtsextremismus und warnte frühzeitig vor der Entwicklung des Neonazismus in Jena zum Rechtsterrorismus. So wurde er zum Feindbild der extremen Rechten in Thüringen, was Bedrohungen und auch körperliche Angriffe zur Folge hatte.

Die Motivation mutig aufzustehen und menschenverachtenden Ideen entgegenzutreten sind unterschiedlich. König sieht bei sich keine große Idee, sein Antrieb komme von innen. „Ich kann nicht anders, ich muss.“ Schon in der Schulzeit habe er die Seite gewechselt und Widerstand geleitstet. So sei er beispielsweise drei schlesischen Vertriebenenkindern zu Seite gesprungen, die bei Schneeballschlachten immer die Opfer der anderen Klassenkameraden waren. „Ich will kein Ziel erreichen, ich will einfach Mensch bleiben“, fasst der Pfarrer seinen Antrieb zusammen, der sich dabei auch auf das Evangelium beruft.

Zu dem Engagement gehören auch Rückschläge. König wusste hier von Situationen zu berichten, wo aus Opfern Täter gemacht wurden. „Es ist fast hoffnungslos und macht depressiv, wenn man das Gefühl hat, dass sich nichts ändert“, gab sich der evangelische Pfarrer resigniert. Was gebe einem Kraft, dennoch weiterzumachen, wollte König von seinen tschechischen Mitdiskutanten wissen. Houdek koordiniert die Kampagne „Hate free“ der tschechischen Regierung. Diese wendet sich gegen Hass wendet und wirbt für ein Miteinander mit Minderheiten. Natürlich habe er sich immer wieder die Frage gestellt, ob das Engagement Sinn mache, gab Houdek offen zu. Doch er kann auch von Momenten berichten, aus denen er Kraft schöpfe. Dies sei der Fall, wenn sich Mitglieder von Minderheiten bedanken und sie ihm Vertrauen schenken. „Für mich ist es schmerzlich, wenn ich nicht verstanden werde,“ so Spurný. Daraus entstünden abstruse Theorien, dass er von irgendeiner fremden Stelle bezahlt werde oder sein Land beschmutzen wolle. Es sei schwer, einer breiteren Öffentlichkeit das eigen Denken zu erklären, gibt sich der Historiker nachdenklich. Kraft schöpfe er jedoch aus positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit. Er ist überzeugt, dass man gegen Unrecht etwas machen und die Welt verbessern könne. Zudem sieht er keine Alternative: „Würden wir nicht aktiv werden, dann würde sich die Situation ja verschlimmern.“

Kritisch blicken die Diskutanten auf den Zustand des öffentlichen Diskurses. Alle haben verbale Anfeindungen erlebt. „Das Niveau der öffentlichen Diskussionen ist katastrophal“, urteilt Spurný. Schon bei den einfachsten Themen würde ein Dialog nicht gelingen. Dies gehe auch auf die neue Art des Austauschs im virtuellen Raum zurück. Auch König sieht, dass sich durch die neuen Möglichkeiten der öffentlichen Diskussion verändert habe. Die Menschen seien aber wie immer, konstatiert er: „Der Sündenbock-Mechanismus funktioniert weiter.“ Houdek will gegenseitiges Verstehen anstreben. Dass dies oft nicht gelinge, liege auch daran, dass „Labels“ verteilt werden. „Sobald jemand in der Diskussion mit Labels hantiert, enden die Diskussion“, hat der Fotograf beobachtet.

Doch wie können Personen, die menschenverachtenden Ideen anhänge, erreicht werden? „Im persönlichen, direkten Gespräch ist Überzeugungsarbeit möglich“, so König. „Aber sobald sie in der Gruppe sind, ist der Fortschritt schnell für Jahre wieder Weg“, zeigt sich der Pfarrer ernüchtert. Den direkten Kontakt zu Andersdenkenden sucht auch Houdek. „Face to face kann man sich näher kommen“, zeigt er sich optimistisch. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, mit denen er längere Gespräche geführt habe, ihn im Netz nicht mehr direkt angreifen würden. „Mir machen nicht die Rechtsextremisten Angst, sondern die Mittextremisten. Sie sind so lau und zeigen nicht, wo sie stehen“, appelliert König an den Einsatz von jedem Einzelnen. So zeigt sich am Ende der Diskussion trotz aller Resignation und Problemanalysen ein Weg auf, die Welt besser zu machen: Es ist der Einsatz jedes Einzelnen gefragt.

Zum Abschluss brachte Pfarrer i. R. Gotthard Lemke, der König nach Brünn begleitete, drei Lieder zur Aufführung. In der Vergangenheit war bei Kundgebungen gegen Nazi gemeinsam mit König aufgetreten. Mit aufrüttelnden Melodien und nachdenklichen Text entließ er die Gäste nach einer anregenden Diskussion in den spätsommerlichen Brünner Abend.