Aktuelle Blicke auf die Kunst- und Religionsfreiheit

Das Brünner Symposium am Wochenende vor Oster wagte mit Blick auf die Freiheit eine „Bestandsaufnahme 30 Jahre nach dem Aufbruch von 1989“. Exemplarisch beschäftigten sich am Samstagnachmittag zwei parallele Gesprächsforen mit der Kunstfreiheit und der Religionsfreiheit.

Über Religionsfreiheit diskutierten (v.l.): Hassan Ali Djan, Dorothea Schroth (Moderatorin), Dr. Vladimí Sáňka, Pfr. Jan Hanák.

Im Gespräch über die Freiheit der Kunst (v.l.): Dr. Ondřej Černý, Dr. Alena Wagnerová (Moderatorin), Prof. Balázs Kovalik.

Gottesdienst am Samstagabend in der Jesuitenkriche Mariä Himmelfahrt.

Am Podium „Religionsfreiheit – ein allgemeines Recht“, das Dorothea Schroth moderierte, tauschten sich Hassan Ali Djan, der katholische Pfarrer Jan Hanák und der Vertreter der muslimischen Gemeinde in Prag Vladimír Sáňka aus.

Von einer „wilden Freiheit im Guten wie im Bösen“ in den 1990er Jahren sprach Pfarrer Hanák aus Brünn/Brno. Im Bereich der Kirche nannte er zwei Richtungen: „Menschen, die nach den guten, alten Werten rufen“ und Leute, für die „alles möglich, alles erlaubt ist – auch in der Kirche:“ Dazu meinte der Seelsorger: „Es kann nicht uferlos sein, Freiheit ist als eine Tugend zu sehen, um zu entscheiden, was richtig ist.“ Die katholische Kirche sei in Tschechien in der Minderheit, für ihn ist daher wichtig, „die Gesellschaft und die Menschen um uns zu inspirieren – mit etwas, das einen Sinn des Lebens geben kann“. Das Christentum könne eine „Dachidee“ für Europa sein, aber Hanák ist auch dem „freien Wettbewerb der Ideen“ nicht abgeneigt – im Respekt gegen den Anderen. Hinsichtlich der Organisationsstrukturen wies Hanák bei der katholischen Kirche auf die „Gemeinschaft von Gläubigen mit Gott als Mittelpunkt“ hin. Äußere Einrichtungen seien zwar wichtig, aber bisweilen „haften wir zu sehr an Institutionen“, so der katholische Priester. „Katholische Kirche ohne Gottesdienst – da fehlt das Wesen“, machte er deutlich. Andererseits gebe es viele Kirchen und Kapellen, die wegen der geringen Zahl an Gläubigen nicht oder nur wenig genutzt werden. Aufgabe oder Erhalt stelle sich als Frage, Verpflichtung gegenüber den Vorfahren bzw. die Kirchen als Mittelpunkt der Gemeinden.

Erst nach der Wende ist Vladimír Sáňka zum Islam gekommen – durch seine Arbeit als Geologe in einem muslimischen Land. Zuvor war er Atheist. „Wir warteten darauf, dass die Freiheit konkrete Formen gewinnt, aber es war viel komplizierter. Ich bin aber froh, dass wir die Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit, und damit eine geistige Dimension kennenlernen durften“, blickte er auf die Zeit von 1989/90 zurück. Diese sei aber auch von Vorurteilen gegenüber Minderheiten geprägt gewesen – oft wegen Wissensdefiziten, so Sáňka. Auch heute sind für ihn Erklärungen zu religiösen Dingen in Tschechien nötig, auch wenn die tschechischen Gesetze die entsprechenden Freiheiten zur Religionsausübung gewährleisten. Organisationen in den verschiedenen Ebenen seien vor allem Vermittler zwischen der eigenen Kommunität und der Mehrheitsgesellschaft, dienten zur Verwaltung und zum Betrieb der religiösen Praxis.

Als Jugendlicher ist 2004/05 Hassan Ali Djan aus Afghanistan nach Deutschland geflohen und lebt heute in München. „Eine freie Ausübung der Religion ist hier möglich“, erklärte er. Aber er weist im Kontext Freiheit auch der Verantwortung eine große Bedeutung zu und betont besonders den privaten-persönlichen Aspekt der Religionsausübung und seinen „sehr starken Glauben“. Außerdem hält er es für angebracht, die Religionspraxis an die jeweilige Region anzupassen, in der man lebt. Auch für ihn ist ein fundiertes Wissen über die Religionen wichtig, „mit oberflächlichen Informationen ist niemandem gedient“, so der Münchner. Als verbindende Elemente nannten die Vertreter der zwei Religionen das Gebet, den Glauben an einen Gott und – was dann schon für eine Überraschung sorgen kann – der gemeinsame Einsatz bei schwierigen, aber alle Religionen betreffenden Fragen.

Ein zweites Gesprächsforum lenkte unter der Moderation der deutsch-tschechischen Schriftstellerin Dr. Alena Wagnerová den Blick auf die Freiheit der Kunst. Dabei stellten sich der Generaldirektor der Tschechischen Zentren Dr. Ondřej Černý und der ungarische Regisseur Prof. Balázs Kovalik den Fragen der Moderatorin und des Publikums.

Dr. Ondřej Černý hob „die Fähigkeit der Kunst, die Gesellschaft in Unruhe zu bringen“, hervor. So schilderte Černý, der 2007 bis 2012 Generaldirektor des Nationaltheaters in Prag war, die Entwicklungen der Kunst in seinem Land seit 1989. Aktuell beobachtet er, dass die Kunst in Tschechien wieder politischer sei und neue gesellschaftliche Relevanz besitze.

Kovalik war viele Jahre ein geschätzter Regisseur in Ungarn, zuletzt von 2007 bis 2010 als künstlerischer Leiter der Ungarischen Staatsoper. Kurz nach dem zweiten Machtantritt von Ministerpräsident Viktor Orban im Jahr 2010 wurde er ohne Angaben von Gründen aus dieser Position entfernt. Kovalik beschreibt, wie die FIDEZS-Regierung ihre Macht zeigen wollte, indem sie schnell und an vielen Positionen, insbesondere im Kulturbereich, Köpfe austauschte. Dies habe dazu geführt, so Kovalik, dass heute in Ungarn Theater nur noch in kleinen Nischen gesellschaftliche Themen aufgreife und meist nur auf den Anspruch reduziert sei, zu unterhalten. In Tschechien sieht Černý keine direkten Angriffe auf die Kunstfreiheit. Die Situation in Tschechien und der Slowakei sei nicht vergleichbar mit den Entwicklungen in Ungarn und Polen. Dabei berichtete er von seinen Erfahrungen im Bereich der Zusammenarbeit zwischen den anderen Kulturinstituten der Visegrad-Länder in seiner Zeit als Direktor des Tschechischen Zentrums in München. Positiv hob er die Präsentation der Tschechischen Republik jüngst als Gastland bei der Leipziger Buchmesse hervor. Dabei wurde auch kritischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein Podium geboten. Kovalik habe nach 2010 „schmerzhaft“ erlebt, wie viele ehemalige Kollegen und Partner in Ungarn den Kontakt mit ihm abbrachen, um ihre eigene Position nicht zu gefährden. Daher habe er nicht mehr die Möglichkeit für sich gesehen, in Ungarn weiter künstlerisch zu wirken. Heute ist Kovalik in Deutschland ein gefragter Opernregisseur und wurde 2012 mit dem Aufbau des Studiengangs „Musiktheater/Operngesang“ an der „Bayerischen Theaterakademie August Everding“ in München beauftragt. „Dass ein Ausländer an einer so renommierten Institution eine so verantwortungsvolle Aufgabe erhält, ist in Ungarn derzeit undenkbar“, so Kovalik nachdenklich. Der politische Einfluss auf die Kunstszene habe dazu geführt, dass außerhalb von kleinen Nischen die geleistete Arbeit nicht mehr ausschlaggebend für Engagements oder Positionen sei.

Weitere Gefahren der Kunstfreiheit sehen neben politischer Einflussnahme Černý und Kovalik zudem in einer Ökonomisierung der Kunst. Das Entstehen einer Konsumhaltung des Publikums führe außerdem vielerorts zu einer Verflachung. Zugleich setzen sie aber auf die Kreativität und den Idealismus von Künstlern. So sehen die Diskutanten trotz vieler kritischer Entwicklungen die Situation nicht hoffnungslos.

Tradition beim Brünner Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ hat der Gottesdienst – zumal die Veranstaltung ja am Wochenende des Palmsonntags stattfindet. Die Feier der Eucharistie war auch heuer in der Brünner Jesuitenkirche Mariä Himmelfahrt, die musikalische Umrahmung oblag – wie gewohnt – dem Chor Kantiléna (Kinder- und Jugendchor der Brünner Philharmonie) mit Jakub Janšta an der Orgel, unter der Gesamtleitung von Jakub Klecker.

Die am Gottesdienst teilnehmenden Tagungsteilnehmer hieß der Rektor der Jesuitenkirche Pater Vojtéch Suchý SJ willkommen. Er verwies vor dem Hintergrund der Tatsache, dass alle Menschen Sünder sind, auf die Versöhnungsarbeit der Ackermann-Gemeinde hin, bei der das Bekennen von Schuld – auch der eigenen – und das Verzeihen eine wichtige Rolle spielt. Hauptzelebrant Pfarrer Jan Hanák erklärte, dass zwar seine Vorfahren beide Sprachen – Tschechisch und Deutsch – gesprochen hätten, er jedoch nicht mehr (was er jedoch im weiteren Verlaufe des Gottesdienstes durch deutsche Sätze widerlegte).

In seiner Predigt ging Pfarrer Hanák auf die Vorschriften und Gebote der Pharisäer auf der einen und die spontanen Worte Jesu auf der anderen Seite ein. Dabei warf er auch einen Blick auf die zahlreichen Regeln heute. „Es besteht die Gefahr, dass die Vorschriften zum Inhalt werden“, meinte der Seelsorger. Und auf die Kirche bezogen: „Mit den Vorschriften erreichen wir, dass die Institution Kirche als solche funktioniert – aber auch das Gefühl, dass durch die Einhaltung der Vorschriften uns Gott als lebendiger Gott verloren geht.“ Jesus hingegen habe Dinge gesagt, die den Menschen damals als nicht ganz in Ordnung vorkamen. „Der lebendige Gott ist hier, wir treffen ihn jeden Tag. Er ist ein Geist, der weht, wo er will. Wenn ich ihn an mich heranlasse, bleibt kein Stein auf dem anderen“, machte Pfarrer Hanák deutlich. Natürlich sprach er sich für das Einhalten der Ordnung aus, er motivierte aber auch dafür, das Angebot Jesu bzw. Gottes anzunehmen. „Springen wir hinein in das Abenteuer mit Gott!“

 

Markus Bauer