75 Jahre einer unergiebigen Endlosdebatte zu „München“

Am 29.September 1938, vor nun 75 Jahren, wurde das „Münchner Abkommen unterzeichnet. Die Ackermann-Gemeinde wird aus diesem Anlass am 26.9.2013 zu einem Gedenken in die KZ-Gedenkstätte Dachau einladen (Einladung hier). Den Jahrestag nimmt Dr. Otfrid Pustejovsky zum Anlass für einen Kommentar über die historische Debatte über dieses prägende historische Ereignisse der deutsch-tschechischen Geschichte.

Ort der Münchner Konferenz: Der sog. „Führerbau“ in München


„Die Geschichte ist voller Fragen und hypothetischer Antworten“, schreibt Raphael Seligmann 2004 in „Die Deutschen und ihr Führer“, und er fasst für das Jahr 1938 so zusammen: „Mit der ultimativen Forderung nach Abtretung des Sudetenlandes überschritt Hitler erstmals in Mitteleuropa bewußt die Schwelle der völkerrechtlich legitimierbaren außenpolitischen Ziele.“ Doch mit der angeblichen „Befreiung“ der Sudetendeutschen begann geradezu zeitgleich auch ihre Un-Freiheit, ja sogar ih­re Vertreibung.

 

Überholte Argumente

 

Bereits 1990 veröffentlichte die noch in  ČSSR-Zeit begründete, nunmehr freie Zeitschrift „Dějiny a současnost“ (Ge­schichte und Gegenwart, Nr. 1, S. 50) einen Beitrag mit dem Titel „Die Entstehung des Gedankens bezüglich des Ab­schubs der Deutschen im Heimat-Wider­stand“; darin heißt es: „Der Abschub bzw. die Austreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei – gleichermaßen wie auch aus anderen Ländern Mittel- und Südosteuropas – nach dem 2. Weltkrieg gehört zu denjenigen historischen Begebenheiten, deren Sinn und Ergebnisse beständig die neuen, in diesem Gebiet lebenden Generationen dazu nö­tigen werden, eine Antwort auf deren Begründung und Erläuterung zu suchen.“ Damit war aber - nach mehr als 40 Jahren ideologisch-propagandisti­scher Hetze und sudetendeutscher Abwehrreaktionen - eine neue Argumentationslinie gezogen, die bis heute die ge­sellschaftliche und politische Diskussion im Wesentlichen beherrscht. Von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird sie jedoch oft lediglich am Rande berührt, so beispielsweise von Ralf Gebels gründlich erarbeitetem Werk „Heim ins Reich“ mit dem Untertitel: „Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938-1945)“.

 

Wie ist mit diesem Dilemma umzugehen? Hier kann ein unverstellter Blick in die Geschichte zu Orientierung und vernünftigem Urteil verhelfen: Der Zerfall der monarchischen Ordnungsideen vollzog sich zwischen den Jahren 1803 bis 1918 - von der tausendjährigen „europä­ischen“ monarchischen, ja göttlichen Ordnung und den kirchlichen Strukturen über die Habsburgische Macht zur europäischen Staaten- und Völkerwelt im ersten modernen „Massenkrieg“. 1918-1938 versuchten die „Nachfolgestaaten“ andere Ordnungen zu verwirklichen.

 

Herrschaft der Diktatur

 

Der diktatorisch etablierte „Führerstaat“ ging bereits 1933/34 daran, aus den misslungenen Anstrengungen der „Wei­marer Republik“, trotz der Negativergebnisse der Friedensverträge nach dem 1. Weltkrieg in der Mitte des Kontinents dauerhaft einen demokratischen Rechtsstaat zu etablieren, durch Missbrauch gerade dieser Ordnungsprinzipien und durch eine von allen moralisch-ethi­schen Maßstäben gelöste und damit entfesselte Gewalt, eine neue Herrschaft in Europa umzusetzen. Da dienten ihm von Anfang an die außerhalb dieser Grenzen lebenden deutschen „Minderheiten“ dazu, sie in den instabilen Staaten für die ideologisch motivierten Ziele des „Führerstaates“ massiv zu beeinflussen und dann politisch-ideo­logisch mit einzubinden. Dies geschah im Wesentlichen in der kurzen Zeit zwischen 1935 und 1938.

 

Daher wurden spätestens ab 1935 - ins­besondere nach den allgemeinen Wahlen in der ČSR - auch die Deutschen in der Tschechoslowakei durch massive Propaganda und Einsatz von Geldmitteln vor den deutschen „Reichskarren“ gespannt und innerhalb von weniger als drei Jahren mehrheitlich zum willigen Instrument reichsdeutscher Expansionspläne gemacht. So erklärte im Januar 1942 - um nur einen Nachweis anzuführen - ein beim Volksgerichtshof-Prozess gegen den letzten deutschen Kolping-Senior der ČSR, Josef Tippelt, an den Oberreichsanwalt Dr. Barnickel gerichtetes Gutachten aus dem Reichs-Sicher­heitshauptamt wörtlich, dass die Sudetendeutsche Partei „von amtlichen Stellen des Reiches zu Unterstützungszwecken mit Geldern versehen worden ist“; dies „bedurfte im Interesse des Reiches der Geheimhaltung“. Die Fakten sind heute hinlänglich bekannt, durch Biographien Henleins bzw. K.H. Franks belegt, die archivalischen Quellen in großem Umfang ausgeschöpft. Aber Voreingenommenheiten einerseits und politisch-historisches Unwissen andererseits dominieren immer wieder die Mehrzahl der Debatten. So ist es heute erwiesen, dass Hitler die Tschechoslowakei als militärisches „Aufmarschgebiet“ für seine Eroberungspläne vorgesehen hatte, und dass die „Appeasement“-Politik vor allem Großbritanniens ihn 1938 an einem vorzeitigen Angriffskrieg hinderte, diesen nur hinausschob, nicht jedoch verhinderte.

 

Das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 hat alle bis dahin unternommenen internationalen Friedensstiftungsversuche ad absurdum geführt. Diente es Hitler-Deutschland doch allein zu dem Zweck, Zeit zu gewinnen für die eigentlichen Eroberungspläne und den neuen „Reichsgau“ zu einem festen Be­standteil des diktatorisch regierten und verwalteten Reiches zu machen. Damit ist auch festzuhalten, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen aus den Sudetengebieten bereits in der 1. Woche nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 1. und 2. Oktober 1938 begann, ebenso wie die Gleichschaltung des gesamten sudetendeutschen Wirtschafts-, Kultur- und Gesellschaftslebens. Die neuen „Staats“-Grenzen zerstörten gewachsene wirtschaftliche, kul­turelle, soziale und kirchliche Strukturen und das Bildungs- sowie Vereinswesen. Von 3.190 katholischen Pfarreien wurden 1.276 damit dem „Reichsgebiet“ zu­geschlagen, 1.137 Geistliche überprüft, aber nur 3,9% im Sinne des 3. Reiches als „politisch verlässlich“ eingestuft. So schrieb der sudetendeutsche Kirchenhistoriker Hüttl schon 1972: „Die Kirchen der angegliederten Gaue sollten jeder Verbindung mit Rom beraubt werden.“ Bereits am 5. Oktober 1938 nahmen erste Gestapo-Vorauskommandos aus Regensburg und Regenstauf in den neuen „Reichsgebieten“ Verhaftungen vor - eine Namensliste mit 43 Verhafteten an das Berliner Geheime Staatspolizeiamt belegt dies. Am 12. Oktober kam der erste Transport mit Sudetendeutschen im KZ Dachau an. Innerhalb des Monats Oktober 1938 wurde der gesamte „Sudetengau“ mit einem Netz von Gestapo-Leitstellen überzogen. Der 15. März 1939 und ein halbes Jahr später der provozierte Kriegsüberfall auf Polen durch das Deutsche Reich Hitlers leiteten dann den furchtbarsten aller europäischen Kriege ein.

 

Schlussfolgerung

 

Auch 75 Jahre nach dessen Unterzeichnung ist immer noch kein Ende der weitgehend emotional geführten Debatte ab­zusehen: hier „Befreiung“ der Sudetendeutschen, mangelhaft eingeübte Demokratie, Friedenswunsch, dort „Ver­nichtung“ der Tschechoslowakei, hier, oktroyierte Diktatur, Kriegs- und Vernichtungswille .... Es ist an der Zeit, das 20. Jahrhundert neu und nüchtern zu bewerten.

 

 

Dr. Otfrid Pustejovsky