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25 Jahre Literarisches Café in Bamberg

Ursula Rieber feierte im Juni dieses Jahres ihren 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei ein Rückblick auf die Entstehung und das Schicksal unseres Literarischen Café gestattet, das Frau Rieber seit vielen Jahren gestaltet.

So fing es an

Im Frühjahr 1985 luden Hilde Kapinus und Franz Kubin einige interessierte zur Gründung eines „Literaturkreises der Ackermann-Gemeinde Bamberg ein.“ Die Gruppe traf sich in unregelmäßigen Abständen in Nebenzimmern von Gaststätten und Pfarrsälen zu Vorträgen, die die Mitglieder selber hielten – eigene Geschichten und Gedichte, auch Heimatkundliches. Es lasen die Böhmerwäldlerin Maria Schmidt-Klima, von der wir auch ein Bändchen ihrer Texte herausgeben konnten („Zeit im Flug“, Gedichte und Prosa, 1985), ferner Helmut Pfrogner aus Komotau, der Kühländler Ewald Jahn und Johannes Wondrousch aus dem Schönhengstgau.

Doch das stellte bald nicht mehr zufrieden. Wir begannen, deutsche Schriftsteller des böhmisch-mährischen Raumes vorzustellen wie Rainer Maria Rilke, Marie von Ebner-Eschenbach, August Scholtis, Wilhelm Pleyer u.a.

Autorenlesungen seit 1985 mit Gertrud Fussenegger, Ilse Tielsch und Johanna von Herzogenberg, in früheren Jahren mit Johannes Urzidil und Josef Mühlberger, vertieften das Interesse für Literatur.

Ein neuer Ansatz: „Böhmische Dörfer“

Schließlich übernahm die aus Troppau stammende Lehrerin Hilde Kapinus die Vorträge und hielt bis zum Jahre 1992 ca. 40 Literarische Cafés, wie wir sie jetzt nannten. Frau Kapinus führte uns durch alle „böhmischen Dörfer“ (Jürgen Serke), sie machte uns bekannt mit dem „Prager Dichterkreis“ und vermittelte uns die großen tschechischen und russischen Schriftsteller. Auf Grund ihrer guten Tschechisch- und Russischkenntnisse konnte sie uns vertieft in die slawischen Literaturen einführen.

„Mit Herz und Verstand“: Ursula Rieber

Als Hilde Kapinus das Literarische Café krankheitsbedingt aufgeben musste, übernahm Frau Ursula Rieber die Vorträge und Rezitationen. Es bewährte sich, „mit System“ vorzugehen: Gleiche Referentin – Ursula Rieber; gleicher Tag – jeder vierte Donnerstag im Monat; gleiche Uhrzeit – 15:00 Uhr; gleicher Ort: Seit 1989 sind wir in eigenen Räumen, unserem „Begegnungszentrum“, in zentraler Lage der Stadt und mit unserer Bohemica-Bibliothek im Hintergrund (ca. 4000 Bände).Wir erzeugen die freundliche Atmosphäre eines „echten Cafés“. Ein immer größer werdender Interessentenkreis folgt unseren Einladungen – weit über unsere Mitglieder hinaus. Von anfangs 10 bis 12 Zuhörern sind wir jetzt bei 35 bis 45 angekommen. Aus diesem Kreis gewinnen wir auch neuen Mitglieder. Die „guten Geister“ unseres Begegnungszentrums, die ehrenamtlich tätigen Damen, richten – bis heute – die Tische her, kochen Kaffe, verteilen den selbst gebackenen Kuchen, waschen hinterher das Geschirr und räumen auf. Wir hoffen, dass wir noch recht lange unser eingespieltes System beibehalten können!

In 17 Jahren 140 Literarische Cafés

Seit 1993 hat Ursula Rieber in 17 Jahren mehr als 140 Literarische Cafés allein im Bamberg gestaltet. Sie wirkt auch bei den akademischen Wochen der Ackermann-Gemeinde Bamberg in Brixen mit. Dabei stellt sie in einem Essay-Teil die Biografie des Autors vor, ordnet ihn in die Geistes- und Literaturgeschichte ein und erklärt sprachliche und kulturelle Besonderheiten. So erreicht sie ein vertieftes Verständnis des nun folgenden zweiten Teiles, der Rezitation eines zusammenhängenden Textes, einer passenden Novelle, Kurzgeschichte oder größerer Teile eines Romanes. Um das Ausmaß der aufgewandten Arbeit, des Recherchierens und Lesens zu zeigen, seien aus Anlass des 70. Geburtstages von Frau Rieber im Juni dieses Jahres die Reihen genannt:

1. Reihe, ostdeutsche Autoren: Werner Bergengruen, Gerhart Hauptmann, Rudolf G. Binding, Hugo von Hofmannstahl, Ernst Wiechert, Jochen Klepper.
2. Reihe, Frauendichtung: Hildegard von Bingen, Frauenmystik im Mittelalter, Annette von Droste-Hülshoff, Ricarda Huch, Agnes Miegel, Else Lasker-Schüler, Elisabeth Langgässer, Marie von Ebner-Eschenbach, Anna Seghers, Christa Wolf, Gertrud Fussenegger, Ingeborg Bachmann.
3. Reihe, ostdeutsche Autoren: Andreas Gryphius, Angelus Silesius, Adalbert Stifter, Josef von Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, Charles Sealsfield/Karl Postl, Rainer Maria Rilke (2), Franz Werfel, Bertha von Suttner, Joseph Roth.

4. Reihe, tschechische Autoren: Jaroslav Seifert (2), Milan Kundera (2), Václav Havel, Božena Němcová, Jan Neruda, Karel Čapek, Jaroslav Hašek, Jaroslav Seifert und R.M. Rilke im Vergleich.
5. Reihe, russische Autoren: Alexander Puschkin, Iwan Turgenjew, Nikolaj Gogol, Lev Tolstoj (3), Fjodor Michail Dostojewski (4), Tolstoj und Dostojewski im Vergleich, Anton Tschechow, Maxim Gorki, Alexander Solschenizyn.
6. Reihe, deutsche und deutsch-jüdische Autoren aus dem Umfeld des Prager Kreises: Hugo Salus, Paul Leppin, Max Brod, Franz Werfel, Paul Kornfeld, Ernst Weiß, Ludwig Winder, Oskar Baum, Franz Kafka (3), Egon Erwin Kisch. Wir sehen es als besonderen Erfolg an, dass zu einem unserer Kafka-Nachmittage ein Seminar der Universität Bamberg mit seinem Professor kam!
7. Reihe, fränkische Dichter: Jean Paul Richter, Friedrich Rückert, E.T.A. Hoffmann (3), Hans Sachs.
8. Reihe, Die Rolle Schlesiens in der deutschen Literatur: Andreas Gryphius, Angelus Silesius, Josef von Eichendorff, Gerhart Hauptmann, Jochen Klepper, August Scholtis (vorgestellt von Dr. Hildgunt Kirschner), Heinz Piontek, Horst Bienek.
9. Reihe, polnische Literatur: Adam Mickiewicz, Henryk Sienkiewicz, Josef Ignacy Kraszewski, Boleslav Prus, Czeslaw Milosz.
10. Reihe, deutsche Klassiker: Zehn Nachmittage allein über Goethe, dann dreimal Schiller und dreimal Kleist (2003/2005).
11. Reihe, im „neuen Domizil“, in der KHG, Friedrichstrasse: Erneut elf Nachmittage zum Prager Dichterkreis unter neuen Aspekten.
12. Reihe: Im Jahr 2009 begann Frau Rieber wieder mit einer Reihe zur russischen Literatur: Russland erzählt. Das Märchen als früheste Erzählform; Wesen und Werden der russischen Dichtung; Puschkin und das goldene Zeitalter; Das Komische und Absurde bei Nikolaj Gogol; Turgenjew, der Begründer des poetischen Realismus; Dostojewskij und sein psychologischer Realismus; Dostojewskij, die großen Romane; Zum 100. Todestag von Lew Tolstoj, dem Meister des russischen Naturalismus; Anton Tschechow, Genie zwischen zwei Welten.

Die „permanente Volkshochschule“

Wir freuen uns, dass das Bamberger Literarische Café mit Ursula Rieber inzwischen auch an anderen Orten von der Ackermann-Gemeinde nachgeahmt wird.

Im Bamberg werden nach den Zeiterfordernissen aktuelle Themen eingeschoben, z.B. Gertrud Fussenegger und Lenka Reinerová aus Anlass ihres Todes, Herta Müller als Literatur-Nobelpreisträgerin und der neue Bücher-Preis-Träger Reinhard Jirgl. Frau Irmgard Mayer stellte im „Musikalischen Café“ Gustav Mahler als Dirigent und Komponist vor und Carl Ditters von Dittersdorf, den Rivalen Mozarts in der Komischen Oper. Zur Ergänzung sprachen Prof. Dr. Arnulf Rieber über russische und polnische Geistesgeschichte und Franz Kubin über die Geschichte der Prager Juden im 19. und 20. Jahrhundert.

Ein Höhepunkt unserer kulturellen Vermittlertätigkeit war die Veranstaltung „Tschechische Musik und Poesie“ im Juli 1994 (gemeinsam mit dem Deutsch-Tschechischen Club Bamberg). Eva Wengoborski, Violine (Bamberger Symphoniker) und Theodore Ganger, Klavier (Oper Frankfurt/Main) spielten Werke von Smetana, Dvořák, Janáček und Suk, Ursula Rieber und Marcela Zimmermann lasen tschechische Lyrik von Antonín Sova, Karel Hynek Mácha, Josef Václav Sládek, František Halas, Jiři Wolker, Josef Mach, Vilém Závada und Jaroslav Seifert im Original und Übersetzung. Einer der größten Säle Bambergs war bis auf den letzten Platz gefüllt!

Neben unserer Literaturvermittlung steht gleichberechtigt die Beschäftigung mit der Geschichte, Kunst, Volkskunde und Musik der böhmischen Länder. Im Bamberg bekannt und gerne angenommen sind unsere Abendvorträge jeweils am 2. Freitag im Monat. Wir haben das Glück, dass sich in unseren Reihen Fachleute finden, die gerne aus ihren Wissensgebieten referieren. Die fachkundigen Studienfahrten in viele Länder Ostmitteleuropas, organisiert und durchgeführt von Diözesanvorsitzenden StD Horst Schleß, ziehen Interessenten an.

Bleibender Auftrag

Was gibt uns die Kraft für ein solch vielfältiges kulturelles Engagement? Wir nehmen die Worte des ersten Bundesvorsitzenden der Ackermann-Gemeinde, Hans Schütz, ernst, der seinem Verein die Aufgabe übertrug, „permanente Volkshochschule“ zu sein. Wir sind es für unsere Mitglieder und unsere Landsleute. Darüber hinaus erreichen wir in Bamberg viele Menschen, die sich für die Kultur, Geschichte, Literatur, Kunst, Volkskunde und Musik der böhmischen Länder interessieren. Wir sind ein anerkannter Teil der Katholischen Erwachsenenbildung und der Kultur in der Stadt Bamberg. Das alles wird möglich durch den guten Zusammenhalt unserer Gruppe. Wir arbeiten schon seit vielen Jahren – fast in der gleichen Besetzung – zusammen. Das macht die Stärke unserer Gemeinschaft aus. Wir möchten, so lange es geht, unseren Beitrag leisten zur Erhaltung und Vermittlung der kulturellen Leistungen von Deutschen, Tschechen und Juden in den böhmischen Ländern, zu Verständigung und Versöhnung unserer Völker und zum Frieden in der Welt.

Franz Kubin

Verfasst im August 2010

Kontakt:

Begegnungszentrum der Ackermann-Gemeinde, Friedrichstrasse 2, 96047 Bamberg