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Helga Wilms-Graf: Raimund Graf

Helga Wilms-Graf: Raimund Graf. Ein deutsch-böhmischer Demokrat zwischen den politischen Fronten, Verlagsbuchhandlung Sabat Kulmbach, 2. Auflage 2017, 300 Seiten, 35 Abbildungen, ISBN 978-3-943506-40-2, € 24,95.

Zwischen den Fronten

Welch ein Glück, dass die Tochter sich doch noch entschieden hat, Leben und Wirken ihres Vaters ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Schade nur, dass dies so spät geschieht. Hätte Raimund Graf seine „Geschichte des Bundes der Landwirte“ (BdL) noch zu seinen Lebzeiten - er starb 1968 - veröffentlicht, wäre im Establishment der sudetendeutschen Landsmannschaft damals sicher einiger (brauner) Staub aufgewirbelt worden. Hatten hier wie überall in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft doch „die alten Henleinleute Fuß gefasst“, wie er mit Bitterkeit und Sorge festzustellen meinte. Umso wichtiger wäre die Publikation seiner Geschichte, die Vita eines deutsch-böhmischen Demokraten in der ersten tschechoslowakischen Republik, gewesen. Denn dieser studierte Bauernsohn aus Barzdorf am Roll, der den auf Ausgleich und Zusammenarbeit gerichteten aktivistischen Kurs der deutschen Agrarier als Reichsparteigeschäftsführer von Anfang 1918 bis zum bitteren Ende 1938 prägte, stand und steht für jene anderen deutschen Politiker im Sudetengebiet, die loyal zum Staate standen und sich bis zuletzt dem Heim-ins-Reich-Geschrei der Nazi-Freunde widersetzten. Sie ahnten, dass dieser Ruf sie selber eines Tages bei der Vertreibung von Haus und Scholle einholen würde.   

Die Schicksalsstunde des BdL schlug am 16. März 1938. Einem Krimi gleich liest sich im Graf‘schen Report, wie der BdL-Vorsitzende Gustav Hacker mit allen Tricks des Verrats, der Täuschung und Manipulation die eigene Partei liquidierte und den Henlein-Truppen zuführte. Akribisch hält der Reichsparteigeschäftsführer für die Nachwelt die Namen der Vorstands- und Fraktionsmitglieder fest, die diesem Putsch folgten oder sich verweigerten. Wenige Stunden vor der Münchener Konferenz im September 1938 beschlossen Graf und seine Getreuen die Selbstauflösung der Organisation. Sie hatten ihren Kampf gegen den fanatisierten Negativismus und Nationalismus auf allen Seiten, selbst in den eigenen Reihen, verloren. Der „Bund der Landwirte“ in der ČSR war Geschichte. Damit schließt der Generalsekretär der Bauernpartei sein Buch.

Wie es weiter ging im Leben des Raimund Graf, schildert Tochter Helga Wilms-Graf, teils aus eigenem Mit-Erleben, teils aus der Quelle umfangreich vorhandener Korrespondenz des Vaters: wie er nach Drangsal, Vertreibung, Hunger und Elend im Frühjahr 1948 schließlich in der Flüchtlingsabteilung beim Bayerischen Bauernverband (BBV) in München angestellt wird - unter Wert, wie viele finden -, und wie er sich „mit seinem Helfersyndrom“ (Wilms-Graf) wiederum in die Arbeit stürzt, um für vertriebene Bauern Hof und Land und einen besseren Lastenausgleich zu erkämpfen. Er erntet viel Dank und Anerkennung, fühlt sich aber im Grunde nicht wirklich willkommen und angekommen. Er pflegte regen Briefwechsel mit alten BdL-Freunden in aller Welt, spürt aber hierzulande die Macht alter Seilschaften. Er macht sich unentbehrlich im Verband mit seinem Arbeitseinsatz und behauptet sich so gegen geheime Widersacher. Er regt sich auf über die „Irreführung der Sudetendeutschen durch Berufsflüchtlinge, Streber, Gernegroße und politische Opportunisten“, hält sich auch deshalb fern von aller Parteipolitik. An eine BdL-Neugründung ist nicht zu denken in einer Zeit, da „Verräter und Überläufer“ (Graf) wie ausgerechnet Gustav Hacker für den BHE als Minister in der Hessischen Landesregierung Karriere machten. An dieser Stelle kannte Graf bis zu seinem Tode keinen Pardon. Ein Grund mehr dafür, dass dieser Mann, dieser vergessene Demokrat, charakterfest und prinzipientreu, Deutschen wie Tschechen nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Zu weiteren Diskussionen jedenfalls bietet er Anlass und Stoff genug.

Hans Jürgen Fink

Peter Härtling: Djadi, Flüchtlingsjunge

Peter Härtling: Djadi, Flüchtlingsjunge. Roman für Kinder. Beltz & Gelberg
Verlag Weinheim 2016, 116 S., ISBN 978-3-407-82164-5, € 12,95.

Wenn aus Schmerz Trauer werden kann

Peter Härtling hat mit seinem letzten Werk „Djadi, Flüchtlingsjunge“ ein kleines, aber umso bemerkenswerteres Büchlein vor seinem bald darauf folgenden Tod hinterlassen: Im Untertitel wird es als „Roman für Kinder“ bezeichnet, doch das Thema erfasst und umfasst die ganze Zeit von 1945 bis 2015, reicht es doch von der syrischen Flüchtlingskatastrophe des Jahres 2015 zurück bis zu den schlesischen Flüchtlingstrecks im Winter 1944-45. Daher ist dieser „Roman“ auch eine Zeitgeschichte für Erwachsene.

Der kleine unbegleitete und wahrscheinlich verwaiste schmächtige Syrerjunge wird von einer deutschen WG aufgenommen, lernt Menschen, das neue Umfeld und die ihm zunächst so fremden Gepflogenheiten kennen und die deutsche Sprache dazu. Schnell wächst er auch schulisch in das fremde Land hinein, besonders betreut von dem alten asthmakranken Wladi, dem ehemaligen Lehrer. Fast holzschnitzartig werden in kurzen Kapiteln und größeren Zeitsprüngen Einschulung, deutsche Bürokratie, Fragen der Religionszugehörigkeit in kind- und frühjugendlicher Sprache und Bildwelt vorgestellt: Direkte Sprache wechselt mit knappen kindgemäßen Reflexionen ab – bis zum Tod des alten schlesischen Lehrers Wladi, auf dessen Grab Djadi, der inzwischen in einem deutschen Gymnasium vorwärts gekommen war, zwei mit schwarzem M und P besprühte Steine legte: „‚Grabsteine für Mama und Papa.‘ Jetzt wird vielleicht aus dem Schmerz Trauer.“ (S. 116).

Dr. Otfrid Pustejovsky

Abbas Khider: Ohrfeige

Abbas Khider: Ohrfeige. Roman. Carl Hanser Verlag München 2016, 224 S., ISBN 978-3-446-25054-3, € 19,90.

Als Flüchtling in der Bürokratie

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren, aus politischen Gründen 1992 verhaftet, floh 1996 und kam 2000 nach Deutschland. Schnell lernte er deutsch und studierte Literatur sowie Philosophie in München und Potsdam – und begann zu schreiben. Mit seinem als Roman bezeichneten Buch „Ohrfeige“ legte er 2016 eine schonungslose Darstellung, ja Analyse eines Flüchtlingsdaseins im überbürokratisierten Deutschland unserer eigenen Zeit vor: In verfremdender Ich-Form, in fiktiven Dialogen, Beschreibungen von Aufnahmeeinrichtungen, von lagerähnlichen Zuständen bis zu menschenwürdigen kleinen Wohneinheiten in realen bayerischen Orten und anderswo in Deutschland werden alle Praktiken der Aufnahmeprozeduren, die so oft von Unkenntnis bestimmten Ausfragetaktiken der „Entscheider“, die Unterbringungen, die vorwarnungslose Verlegung von einem Lager ins andere, die Personenbefragungen, die Öde der perspektivlosen Untätigkeit, der Griff zu den Opiaten, aber auch Freundlichkeiten der Menschen geschildert.

So können wir lesen: „Sie, Frau Schulz, gehören zu jenen, die hier darüber entscheiden, auf welche Weise  ich existieren darf oder soll. Stellen Sie sich umgekehrt mal vor, in meiner Position zu sein“, (S. 11) oder: „Der Entscheider schleuderte mir die nächsten großen Lebensfragen entgegen. ‚Wann und auf welche Weise haben Sie ihr Heimatland verlassen? Welche Verkehrsmittel haben Sie dabei benutzt?‘“ (S. 109). Dagegen jedoch die Studentin „Katharina …, die freiwillig bei der Caritas jobbte … Alle Punkte, die sie nicht verstand, schrieb sie auf“ (S. 158).

So ist dieser schmale Band eigentlich kein „Roman“ im engeren Sinn, sondern vielmehr ein „Aufklärungsbuch“.

Dr. Otfrid Pustejovsky

Peter Härtling: Božena

Peter Härtling: Božena. Eine Novelle, dtv München 1996, 160 Seiten, ISBN
978-3-423-12291-7, € 11,90.

Auf den Spuren von Vaters Sekretärin

Im Juli 2017 verstarb Peter Härtling. Dieses Ereignis veranlasst uns, an seine Novelle „Božena“ von 1994 zu erinnern.

Der gebürtige Chemnitzer lebte während des Krieges einige Jahre mit seiner Familie in Olmütz/Olomouc, wo sein Vater als Rechtsanwalt arbeitete. 1992 fuhr Härtling das erste Mal nach der Flucht mit seiner Mutter (1945) wieder nach Olmütz und ging den Spuren seines Vaters und dessen tschechischer Sekretärin nach, versuchte, etwas über ihr Schicksal zu erfahren. Aus der Kenntnis, dass diese wohl als Kollaborateurin betrachtet und geächtet wurde, hat er seine Novelle entwickelt.

Härtling beschreibt die verschiedenen Abschnitte des Lebens dieser bei Kriegsende jungen Frau, und was sie nach dem Krieg durchleiden muss. Deutlich wird immer wieder das Hineinwirken der allgemeinen, gesellschaftlichen Stimmung in das private Leben. Es gibt kein Entkommen: Gebrandmarkt als Kollaborateurin, weil sie bei einem deutschen Rechtsanwalt gearbeitet hat, wird das Leben von Božena Koška, so nennt Härtling seine Protagonistin, von den jeweils herrschenden Institutionen bestimmt. Bis in die Familie hinein wirkt sich diese Stimmung aus. Die Brüder ziehen sich zurück und Božena selbst mutet sich ihrer Familie immer weniger zu, beteiligt sich nicht mehr am Familienleben und grenzt sich aus; lebt sich in eine Unauffälligkeit hinein. Ein wenig Selbstständigkeit findet Božena neben ihrer fürs Gemeinwohl verordneten Arbeit, als ihr erlaubt wird, in dem von einem Onkel geerbten kleinen Haus nach Feierabend zu leben.

Eine Spur von Freiheit, von Öffnung spürt sie zusammen mit der politischen Entwicklung Ende der 60er Jahre. Aber das Aufatmen ist kurz; mit der politischen Wende, dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die ČSSR (1968) verhärtet sich auch Božena wieder. Trost sind für sie ihre fünf Hunde, die sie nacheinander hat. Mit ihnen kann sie ihre abendliche Freiheit genießen.

Eindrücklich versteht es Härtling, das Ausgeliefertsein darzustellen. Es berührt und erschreckt, wie man auch ohne konkrete Schuld in die Wirren der Geschichte geraten kann und zur Gestaltung des Lebens nur ein minimaler Spielraum bleibt. Vielleicht ist es dem Autor auch ein Anliegen, den Leser zum Nachdenken anzuregen.

 Dorothea Schroth

Heinrich Wullhorst: Die katholischen Verbände in Deutschland. Leuchtturm oder Kerzenstumme?

Heinrich Wullhorst: Die katholischen Verbände in Deutschland. Leuchtturm oder Kerzenstumme? Bonifatius Verlag Paderborn 2017, 190 S., ISBN 978-3-89710-713-7, € 14,90.

Zukunft der katholischen Verbände

Was ist von der früheren Strahlkraft der Katholischen Verbände hinein in die Gesellschaft geblieben? Es liegt an ihnen selbst, ob sie Gestalter der zukünftigen Gesellschaft sein wollen oder ob sie sich lediglich als Hüter einer Tradition sehen. Es braucht Mut, Offenheit für neue Zielgruppen und eine Reaktion auf die veränderte Situationen. Das Buch macht dies deutlich. Es beinhaltet die Sicht der Verbände auf sich selbst, auf ihre Herausforderungen und Ziele. Leider dreht es sich vor allem um die großen Verbände und nimmt allzu oft lediglich eine Perspektive aus Sicht des „rheinischen Katholizismus“ ein. Es verzichtet aber nicht auf den Blick von außen. Hierzu tragen eine Vielzahl von Gesprächspartnern bei. Zu ihnen gehören der Osnabrücker Bischof Bode und der Pastoraltheologe Hans Hobelsberger. Abgerundet wird die Bestandsaufnahme durch Stimmen aus dem Zentralkomitee der Katholiken sowie Einschätzungen von Medienvertretern und Politikern.

„Verbände haben in dieser Welt auch in der Zukunft noch etwas zu sagen, sie müssen es allerdings profiliert, selbstbewusst und lautstark tun“, ist eine der Schlussfolgerungen im Buch. Es bietet einige Impulse, dass dies auch gelingen kann.

ag