Stephan Scholz/Maren Röger/Bill Niven (Hg.): Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung.

Stephan Scholz/Maren Röger/Bill Niven (Hg.): Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Ein Handbuch der Medien und Praktiken, Verlag Ferdinand Schöningh Paderborn 2015, 452 Seiten, 80 Abbildungen, ISBN 978-3-506-77266-4, 39,90 €.

Sind Photos von Flucht und Vertreibung echt?

Belletristik, Fachbücher, Film, Radio und Fernsehen, Heimatbücher, Internet und Landesmuseen: In 35 Einzelbeiträgen von Autoren aus Oldenburg und anderen deutschen und ausländischen Bildungseinrichtungen wird die mediale Erfassung von Flucht und Vertreibung dargestellt. Anlässlich einer Präsentation im Münchner Haus des Deutschen Ostens wartete Maren Röger, eine der Herausgeber, mit neuen Erkenntnissen zur „verdrängten Tragödie“ auf.

Die Forschung zur photographischen Erinnerung an Flucht und Vertreibung steckt noch in den Anfängen, so Maren Röger: „Der Großteil der überlieferten Photos hat einen politischen Entstehungskontext. Sie dienten der Kommunikation bestimmter Botschaften und teilweise der gezielten Desinformation“. Private Aufnahmen gibt es kaum, es ging bei der Flucht um Leben und Tod. Wer hatte schon Photoapparate dabei? Was von NS-staatlicher Seite kam, sollte die Gräuel der Rotarmisten präsentieren oder den Durchhaltewillen stärken. Wie wichtig Bilder waren, erkannte die Sudetendeutsche Landsmannschaft, die bereits 1950 in Bamberg ein eigenes Bildarchiv einrichtete. Dabei ging es allerdings weniger um die Vertreibung, sondern mehr um das Festhalten der heimischen Kultur.

Einige Bilder, die bisher als Originalbeweise für die Schrecken der Flucht galten, stammen vielleicht gar nicht aus den Jahren 1944 bis 1948. Sie entstanden wohl bei der NS-Umsiedlung Volksdeutscher, der Abwanderung aus Polen nach dem Ersten Weltkrieg oder zeigen Displaced Persons.

Dr. Norbert Matern

Sabine Dittrich: Tage der Wahrheit

Sabine Dittrich: Tage der Wahrheit. Roman, Neufeld Verlag Schwarzenfeld 2017, 246 Seiten, ISBN 978-3-86256-081-3, 13,90 €.

Menschlichkeit in aufgeheizter Stimmung?

Es ist die Geschichte aus dem kleinen Ort Eichdorf, die Sabine Dittrich in ihrem neuen Roman „Tage der Wahrheit“ erzählt. Der neue evangelische Pfarrer hat etwas vor mit dem Pfarrhaus, das lange Zeit leer gestanden war. Er will dort eine kleine Gruppe von geflüchteten Müttern mit ihren minderjährigen Kindern aufnehmen und ihnen so Schutz und Geborgenheit geben. Doch dieses Vorhaben bringt das scheinbare Idyll des Dorfes durcheinander. Allmählich wird deutlich, wie stark Erlebnisse und Prägungen der Vergangenheit bis heute nachwirken.

Anne Lischka, Erzieherin und die Hauptperson des Romans, lässt sich von den Plänen des jungen Pfarrers begeistern. Sie hofft damit auch ihren Kindergarten retten zu können. Auf Grund der geringen Zahl an Kindern im Ort steht sein Ende immer wieder im Raum. Auch der Glaube beginnt durch die Begegnungen mit dem jungen Pfarrer für Anne wieder eine größere Rolle zu spielen.

Doch da gibt es noch ein Geheimnis im Leben ihres Großvaters. Mit seiner Bitte, ihn auf einer Reise nach Prag zu begleiten, eröffnet er es Anne. Viele Jahrzehnte trug er es mit sich herum. Dabei spielt der große tschechische Christ Přemysl Pitter eine Rolle. Auf Schloss Štiřín bei Prag kommt er mit Deutschen und Israelis zusammen, die alle als Kinder von Pitter gerettet wurden. Diese Begegnung, die Anne miterleben darf, eröffnet ihr nicht nur eine neue Sicht auf ihren Großvater, sondern auch auf die verworrene Geschichte Mitteleuropas.

Sabine Dittrich hat bereits mit ihrem Roman „Erben des Schweigens“ aus dem Jahr 2013 aufgezeigt, wie sehr die Vergangenheit in das Heute hineinspielt, in Familien, aber auch in das gesellschaftliche Miteinander. Mit ihrem neuen Roman gelingt ihr dies erneut.

Přemysl Pitter hat mit seinem Einsatz für jüdische und deutsche Kinder in den Wirren der Nachkriegszeit ein mutiges Vorbild gesetzt. Es ist gut, dass seine Person und sein Wirken nun auch über einen Roman Menschen nahegebracht wird. Das Wissen um Pitter ließ mir bei der Lektüre eine Reihe von Fragen durch den Kopf schießen. Welchen Platz hat in einer aufgeheizten Stimmung noch die Menschlichkeit? Wie steht es heute darum? Dittrich gibt in ihrem Roman keine naiven und einfachen Antworten darauf. Es sind eben auch die Schatten der Vergangenheit, die humanitären Vorhaben die Umsetzung erschweren. Oder gar unmöglich machen?

Matthias Dörr

Jehuda Bacon/Manfred Lütz: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.“

Jehuda Bacon/Manfred Lütz: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.“ Leben nach Auschwitz, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2016, 191 Seiten, ISBN 978-3-579-07089-6, 16,99 €.

Leben nach Auschwitz

„Nach dem Krieg begegnete ich wunderbaren Menschen, deren Einfluss bis heute reicht. Diese Menschen haben mir das Vertrauen in die Menschen zurückgegeben“. Dieses Zitat stammt von Jehuda Bacon, einem israelischen Künstler, der 1929 in Ostrau/Ostrava geboren wurde. In einem Interviewband mit dem Psychiater, Psychotherapeuten und Theologen Manfred Lütz erzählt Bacon von seinem Leidensweg, der durch das Ghetto Theresienstadt/Terezín, das KZ Auschwitz, zwei Todesmärsche bis zur Befreiung im KZ Gunskirchen führte. Dann begegnet er als 15-Jähriger Přemysl Pitter und seinen Helfern, die ihm neues Vertrauen in die Menschen geben. Es ist der Bericht eines Zeitzeugen des Holocaust. Aber das Gespräch bleibt dabei nicht stehen. Bacon denkt im Gespräch gemeinsam mit seinem Gesprächspartner Lütz darüber nach, woher das Böse kommt, wie man sogar im Leiden Sinn erleben kann und was wirklich im Leben trägt. Bacons Gedankenwelt führt uns zur Kunst, zu Texten der Bibel und zu seinen Begegnung mit großen jüdischen Denkern, wie Martin Buber, Max Brod, Hugo Bergmann. Ein beeindruckendes Zeugnis und ein tiefer Dialog zu den existenziellen Fragen.

Matthias Dörr

Max Brod: Der Meister

Max Brod: Der Meister. Mit einem Vorwort von Shalom Ben-Chorin. Reihe Max Brod - Ausgewählte Werke (hg. von Hans-Gerd Koch und Hans Dieter Zimmermann u.a.), Wallstein-Verlag Göttingen 2015, 574 Seiten, ISBN 978-3-8353-1341-5, € 29,90.

Dem Meister aufs christlichste nahe

Was ist Wahrheit?“ Pilatus bringt in der Johannes-Passion ins Wort, was alle Denker umtreibt. In Max Brods Roman „Der Meister“ gilt die Frage nicht dem angeklagten Jesus, sondern einem seiner Verteidiger und Anhänger: Meleagros (von Gadara).

Dass Max Brod nur wenige Jahre nachdem seine „alte Welt“ zusammengebrochen war, einen „Jesus-Roman“ geschrieben hat, der - wie bei Meleagros - viele Fäden seines (Er-)Lebens bündelt, ist wohl kein Zufall. Die Hinwendung zum Judentum zionistischer Prägung erfolgte bei Brod noch vor dem Ersten Weltkrieg. In der Folge suchte er Klarheit. Sein schon 1921 erschienenes Bekenntnisbuch „Heidentum, Judentum, Christentum“ darf als einer der literarischen und biographischen Brückenpfeiler gesehen werden, auf denen die Genese von „Der Meister“ ruht. Dazwischen liegen Jahre des Reifens der eigenen Existenz als „Jude deutscher Zunge“ genauso wie existenzielle Erschütterungen durch die Flucht nach Palästina und das Einbrechen der Shoa in Familie und Freundeskreis. 90 Jahre davor hatten jüdische Gelehrte begonnen, den Rabbi aus Nazareth ins eigene Volk heim zu holen. Der „klassische“ Jesus-Roman (Ernest Renan) war auch schon 90 Jahre alt, Zeitgenossen beschäftigten sich als Schriftsteller kritisch mit dem Nazarener (Kazantzakis, Graves). Max Brod ging eigene Wege.

Zur Geschichte: Der Grieche Meleagros - wie die Juden ein „Opfer“ Roms - muss Pilatus bei Übersetzungen helfen. Über die Liebe zu Schoschana, einer Ziehschwester des „Meisters“, gerät er selbst in den Bann des Galiläers. Seine Abneigung dem jüdischen Volk gegenüber wandelt sich immer mehr in Bewunderung und Einsicht, so dass er am Ende als „Gottesfürchtiger“ bezeichnet wird. Trotz seiner „Beziehungen“ zu Pilatus kann er die Hinrichtung Jesu nicht verhindern. Der Schluss sei hier ebenso wenig verraten wie das Schicksal der beiden Liebenden. Am überraschendsten dürfte die Verknüpfung der beiden Figuren Meleagros und Judas Iskarioth sein.

Brods Meister klingt nach den „synoptischen Evangelien“, wenngleich ihm der johanneische Christus nicht unbekannt ist. Brod erweist sich als ein Kenner des Neuen Testaments, das er versiert als Grundlage vor allem der Jesus-Worte hernimmt.

Beeindruckend für einen Menschen meiner Generation, die Wissen mit Technik und Fortschritt verbindet, ist das humanistische Füllhorn, aus dem Max Brod schöpft: Philosophie, Geschichte, Religionswissenschaft, Sprache und Kultur. Max Brod schafft zunächst einen Roman über das Palästina zur Zeit Jesu. Im lebenslangen Ringen mit der Bedeutung des eigenen Volkes in der Symphonie der Völker und der Geschichte wehrt er sich gegen eine Exklusivität im Sinne von Über- oder Unterordnung. In den inner- und außerjüdischen Strömungen im Roman spiegelt sich so auch Brods Gegenwart wieder: ein Überhöhen des Diesseits, das zu Gewalt und Unterdrückung führt. (Hier führt eine direkte Linie von „Rom“ zum modernen Faschismus.) Ein gescheiterter Versuch der Assimilierung des Judentums in die jeweilige Gesellschaft. Im Roman sind es die Sadduzäer, die sich Rom andienen - in der Biographie Brods die innerjüdischen Kritiker des Zionismus, deren „Lösung“ durch den Holocaust ad absurdum geführt wurde. Aber auch ein fatalistisches Konzept, wie Brod es im Christentum erkennt (im Roman durch die Gruppe um Owadja verkörpert), lehnt er ebenso ab wie Gnostik und Nihilismus (Meleagros' Freund Jason).

Brods „Meister“ ist ein lesenswertes Stück Literatur, das dem Leser vor Augen hält, wohin die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts einen „Juden deutscher Zunge“ geführt hat. Durch den Kunstgriff, den „Heiden“ Meleagros das Wort führen zu lassen, kann sich Brod dem Meister aufs christlichste nähern, ohne sein Judentum zu verleugnen. Auch die Leser heute lädt er damit ein, sich an diesem „Meister“ zu reiben - und mahnt, Rom mehr zu fürchten als Judas.

Pfr. Holger Kruschina

Einen Moment bitte! Oder zwei? Begegnungen über die bayerisch-böhmische Grenze.

Einen Moment bitte! Oder zwei? Begegnungen über die bayerisch-böhmische Grenze. Mit Texten und Fotografien von Johannes M. Haslinger, Herbert Pöhnl und Bernhard Setzwein, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2016, 160 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-7917-2798-1, 22,00 €.

 

 

Goldstücke im Vorbeigehen

Das Buch (fast eher ein Bildband) nimmt uns mit auf Reisen und zeigt uns geradezu im Vorbeigehen kleine Goldstücke aber auch Strass am Wegesrand. Auf dem Weg begegnen uns viele bekannte (u.a. Dr. Peter Becher, Antikomplex, Gutwasser/Dobrá Voda und der heilige Gunther) aber auch unbekannte Persönlichkeiten und Geschichten. So zum Beispiel treffen wir die japanische Prinzessin Mitsuko, die Ende des 19. Jahrhunderts ins Schloss in Ronsperg/Poběžovice einzog und so das kleine Örtchen ordentlich auf den Kopf stellte. Oder wir begegnen Helmuth Roith, der im „Nirgendwo“ des deutsch-tschechischen Grenzgebiets in staubiger Arbeitshose mit einer Schaufel in der Hand einen verschwundenen deutschen Ort ausgräbt.

Herzstück des Bandes ist aber gewiss das Kapitel „Der Poetry Slammer aus Mähren und zwei 16-Jährige auf der Flucht“ mit seinen drei besonderen, europäischen Lebensgeschichten. Kein Vergleich wird hier angelegt, jede Geschichte kommt für sich zur Geltung, nur als Maßstab sind die Jahreszahlen angelegt. Franz Bauer, mit 16 Jahren vertrieben, begegnet uns im Hotel Hubertus, mit dem er emotionale Jugenderlebnisse genauso wie den Beginn seiner Vertreibung verbindet. Jaromir Konečny, Schriftsteller und Poetry Slammer, erzählt, wie sein Leben in der kommunistischen Tschechoslowakei unerträglich wurde und er sich zur Flucht entschloss. Und Morteza Qaderi, mit 16 Jahren vor den Taliban aus seiner Heimat Afghanistan geflohen, ist in Linz angekommen und will dieses neue Leben mit großer Willenskraft nutzen und gestalten.

Ein schönes Werk, das viele Begegnungen mit Brückenbauern und deutsch-tschechischem Leben beinhaltet.

Sandra Uhlich

 


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