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Jakuba Katalpa: Die Deutschen. Geographie eines Verlustes

Jakuba Katalpa: Die Deutschen. Geographie eines Verlustes, aus dem Tschechischen von Doris Kouba, Balaena Verlag, Landsberg am Lech 2015, 420 S., ISBN 978-3-9812661-7-7, € 22,80.

Grenzgebiete

Prag im Jahr 2000. Eine tschechische Familie nimmt Abschied von ihrem verstorbenen Vater. Es ist eine Familie, die traumatisiert ist durch den Hass des Vaters auf die Deutschen und auf die deutsche Mutter, die ihn nach ihrer Aussiedlung als Baby zurückgelassen hatte. Im Versuch so weit wie möglich von ihm wegzuziehen sind sie in alle Welt verstreut – London, Kalifornien, Prag. Das Buch fängt mit einem Rätsel an: warum hat die Mutter den Sohn zurückgelassen, warum hat sie ihn nicht später zu sich geholt? Vierzig Jahre lang kamen Päckchen mit Süßigkeiten für die Kinder nach Prag, sie selbst aber blieb geheimnisvoll fern. Und was soll die Spreizhose, die der Vater seinen Kindern vermacht hat? Eine Spreizhose ist ein orthopädisches Gestell, um Hüftdysplasie bei Säuglingen zu korrigieren. Hier wirkt sie als groteskes Symbol, als Zeichen des Schmerzes und des Krankhaften an der Familie. Sowohl der Vater als auch seine Enkelin haben unter dieser Verrenkung der Glieder zu leiden, also bis in die dritte Generation. Die namenlose Erzählerin des Romans und Protagonistin der Rahmenerzählung, eine Enkelin, wohnhaft in London, macht sich auf die Suche nach Antworten und Heilung.

Der Romanstil zeigt manche Merkmale heutiger Exilliteratur, die zugleich als Merkmale des postmodernen Schreibstils gelten – eine lakonische, nüchterne Sprache, fragmentarische Sätze, ein Sinn für Ironie und das Groteske, das fast paradoxe Nebeneinander von Banalem und Tragischem und eine Derbheit bei der Beschreibung von Sex und Tod. Die Lektüre führt auf eine spannende „Achterbahn“ mit Höhen und Tiefen, abrupten Wendungen, erweckten Hoffnungen und ernüchternden Enttäuschungen. Der Leser, Tscheche oder Deutscher, wird bewegt, über die Tragik der vergangenen Epoche nachzudenken, unter der vielleicht auch seine Familie zu leiden hatte.

In der Rahmenhandlung findet die Erzählerin in Westdeutschland ihre Großmutter Klara Rissman. Diese leidet jedoch unter Alzheimer – Symbol für das allmähliche Vergessen der Vergangenheit. Jedoch kann die Enkelin mit Hilfe ihrer Stieftante das Geschehene rekonstruieren. Nun folgt eine Binnenhandlung, die mit der Geburt Klaras 1912 beginnt. In einer Reihe von kurzen, mosaikartigen Abschnitten wird ihr Leben nachgezeichnet: Nach einer wohlbehüteten Jugend des eigenwilligen Mädchens ändert sich ihr Leben drastisch im Zweiten Weltkrieg. Klara sucht Schutz vor der Kriegsmaschinerie durch eine Stelle als Lehrerin im Protektorat. Sie landet jedoch weit im Osten in einem kleinen Industrieort im Sudetendeutschen Grenzgebiet. Dort wird ihr Leben mit dem Schicksal seltsamer Charaktere verwoben: ein brutaler, übelriechender Tierpräparator oder ein sympathischer sudetendeutscher Lehrer, der sich durch Spitzeltätigkeit dem Einsatz an der Front zu entziehen versucht. Jeder versucht, sich vor dem Krieg zu verstecken und ignoriert aus eigener Not das Schicksal der Juden. Nach Einmarsch der russischen Armee werden die beiden Lehrer, bevor die Deportierung ansteht, von gütigen tschechischen Bauern aufgenommen. Anfängliches Mistrauen wächst zur persönlichen Freundschaft.

Hervorzuheben ist, wie gut sich die tschechische Autorin in die Herzen und Köpfe der deutschen Charaktere ihres Romans hineinversetzt. Katalpas Ziel ist es, die Perspektive des normalen Bürgers, Tscheche oder Deutscher, zu schildern, deren Leben und Handlungen sich vor der großen Kulisse des Nationalsozialismus und des Kriegs abspielten. Das Buch zeichnet sich aus durch seine leichte Lesbarkeit und seine spannende Handlung, aber auch durch die Sensibilität der Autorin für die schmerzliche Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Antwort, ob die Familie Versöhnung findet, kann der eigenen Lektüre des Lesers überlassen bleiben.

Dr. Jean Ritzke Rutherford

Thomas Bremer/Burkhard Haneke (Hg.): Zeugen für Gott. Glauben in kommunistischer Zeit.

Thomas Bremer/Burkhard Haneke (Hg.): Zeugen für Gott. Glauben in kommunistischer Zeit. Band II, Renovabis/Aschendorff Verlag Münster 2015, 288 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-402-13084-1, € 19,95.

„Freiheit tragen wir in unserem Herzen“

So lautet die Quintessenz eines slowakischen Priesters, der 10 Jahre im Gefängnis saß wegen seiner Berufung zum Priestertum. Mit dem 2. Band „Zeugen für Gott – Glauben in kommunistischer Zeit“ schließt Renovabis ein Projekt ab, das weitgehend Personen vorstellt, die für ihren Glauben viel erlitten haben. Sind im 1. Band nur Christinnen und Christen vorgestellt worden, so lernen wir im 2. Band auch Menschen anderer Konfessionen (Jude, Moslem) kennen, die standhaft ihren Glauben gelebt haben und sich auch durch Drangsalierungen nicht von ihrer Überzeugung abbringen ließen. Lebensläufe werden beschrieben und eigene Äußerungen der betroffenen Personen abgedruckt. In einigen Ausführungen wird auch die allgemeine Situation in einzelnen vom Kommunismus beherrschten Ländern dargelegt. Es ist eine beeindruckende Sammlung von Schicksalen, die sich in dieser Zeit ereignet haben, und es sind beklemmende Darstellungen der Situationen, denen von ihrem Glauben überzeugte Menschen ausgesetzt waren.

Beeindruckend ist, wie die Kirche in den jeweiligen Ländern des Sowjetreichs trotz nicht vorhandener Hierarchie, nicht vorhandener Kultgebäude und trotz des eklatanten Priestermangels durch das persönliche Engagement der Gläubigen überlebte. Getragen und weitervermittelt wurde der Glaube vielfach durch Frauen und Mütter, „Frauen mit einer Priesterseele“ werden sie in einem Beitrag genannt.

Eine weitere Anmerkung des oben erwähnten Priesters ist vielleicht bedenkenswert: „Ich denke, Demokratie ist ein sehr schönes politisches System, aber ohne Werte wird das ein neuer Totalitarismus. (…) Nichts anderes und nichts Schöneres haben wir als unsere uralte jüdische und christliche Tradition. (…) sie ist wirklich auch heute imstande, unserem Leben etwas wie ein Ziel, einen Sinn zu geben.“

Dieses Buch ist kein Buch zum Durchlesen, eher eines zum Nachschlagen einzelner Schicksale und zum Verstehen der Lebenswirklichkeit der Menschen unter kommunistischer Herrschaft.

 

Dorothea Schroth

Hassan Ali Djan: Afghanistan. München. Ich. Meine Flucht in ein besseres Leben

Hassan Ali Djan: Afghanistan. München. Ich. Meine Flucht in ein besseres Leben, Herder Verlag Freiburg 2015, 223 Seiten, ISBN 978-3-451-31304-2, € 19,99.

Perspektivwechsel

Tagtäglich gibt es Nachrichten über Flüchtlinge, die sich auf den Weg Richtung Europa machen. Es tut gut, auch mal die Perspektive zu wechseln und sich auf die Menschen einzulassen, die bei uns Zuflucht suchen. Hassan Ali Djan ist einer von ihnen. Vor zehn Jahren kam er nach Deutschland, war minderjährig und Analphabet. Ein Flüchtling aus Afghanistan ohne Deutschkenntnisse und ohne Perspektiven. Heute hat er die Mittlere Reife, eine abgeschlossene Lehre, eine eigene Wohnung und ist deutscher Staatsbürger. Eine Geschichte, die Mut machen kann.

Sie macht aber auch nachdenklich: die Not in der Heimat, die Umstände der Flucht, das Ankommen in Deutschland. Ali Djan erzählt eindrücklich, wie er sich zur Flucht in den Ersatzreifen eines Lastwagens unter die Ladefläche zwängte, um seine Familie versorgen zu können. Er schreibt vom unerträglich langen Warten auf den Ausgang des Asylverfahrens, von seinem Leben zwischen den Welten und von seinen Anfängen in München: „Ich habe zwei Leben. Das erste Leben muss geendet haben, als ich im Oktober 2005 in München ankam. Mein zweites Leben aber hat gerade erst begonnen. Allmählich fühlt sich Deutschland nicht mehr fremd an.“

Ali Djan nahm am Brünner Symposium teil. Als Autor, Diskutant und bei Lesungen nimmt er die wichtige Rolle des Vermittlers zwischen zwei Welten ein.

Matthias Dörr

Constanze Müller (Red.): 25 Jahre Freiheit. Regionen schreiben Geschichte.

Constanze Müller (Red.): 25 Jahre Freiheit. Regionen schreiben Geschichte. Niederbayern - Oberösterreich - Südböhmen, COM Verlag Fürstenzell 2015, 120 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-933815-43-9, € 27,00.

Weltgeschichte in der Region

Wenn Constanze Müller als Inhaberin einer Verlags- und Marketingagentur selbst als Autorin über den Fall des Eisernen Vorhangs und die folgenden 25 Jahre Freiheit schreibt, so haben diese Ereignisse bei ihr tiefe Eindrücke und Spuren hinterlassen. Mit dem Titel „25 Jahre Freiheit. Regionen schreiben Weltgeschichte. Niederbayern-Oberösterreich-Südböhmen“ weiß sie nur zu gut, dass Geschichte, Gegenwart und Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.

Der Autorin ist es gelungen, ein lebendiges Geschichtsbuch zu schreiben, dessen Texte und Bilder den Leser fesseln. Eigene Texte und Gastbeiträge fließen ineinander, das macht das Werk authentisch.

Eindrucksvoll erlebt der Leser, wie menschliche, sprachliche, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, von einem auf den anderen Tag gekappt werden; dann findet er  sich mittendrin im Geschehen und erlebt textlich wie bildlich, welch weltgeschichtlich bedeutendes Ereignis der Fall des Eisernen Vorhanges war.

Es kommen Zeitzeugen zu Wort, von der Bäuerin am Grenzbach über Kommunalpolitiker bis hin zum Grenzgendarmen, die die Zeit vor und nach dem Eiserenen Vorhang hautnah erlebten; die mitansehen mussten, wie der Grenzzaun errichtet wurde, Menschen und das Land trennte und die Distanz zwischen Ost und West, von der Ostsee bis zur Adria, immer größer wurde. Die Vertreibung der Sudetendeutschen, die Benes-Dekrete und letztlich die Annullierung des Münchner Abkommens sind gut positioniert.

Umfangreichen Raum nimmt die Flüchtlingswelle der DDR-Bürger über Ungarn, Österreich nach Bayern ein. Das ist vertretbar, denn der 19. August 1989 war der Schlüssel zur Öffnung und letztlich zum Fall des Eisernen Vorhanges.

Emotional berührt wird der Leser von den Berichten und Bilddokumenten, wie die Menschen auf beiden Seiten zueinander gefunden haben und was in den folgenden 25 Jahren gemeinsam auf sozialem, wirtschaftlichem, sportlichem, kulturellem und ökologischem Gebiet geschaffen wurde. Das Erreichte gilt es zu erhalten und weiter auszubauen.

Im Editorial schreibt die Autorin, dass es zum Glück viele Bürger gibt, die an der Geschichte weiterschreiben werden, da nimmt sie sich und uns alle in die Verantwortung. Das nächste Kapitel wird schwieriger werden. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Euphorie folgt schnell der Alltag; diese Mahnung dürfte ruhig etwas ausführlicher dem Leser ins Stammbuch geschrieben werden. Politische Stabilität und Einigkeit in Europa sind noch lange nicht erreicht. Flüchtlingskrise, Eurokrise und politische Veränderungen in den Europäischen Ländern können das Blatt schnell wenden. Es wird also wieder auf die Bürger ankommen. Dass die Bürger gemeinsam hüben wie drüben die Welt bewegen können, dokumentiert das Werk auf 110 Seiten eindrucksvoll.  Der jungen Generation macht das Werk europäische Geschichte, die Niederbayern, Oberösterreich und Südböhmen geschrieben haben, leicht verständlich und mahnt zugleich; den Älteren mag es ein „Denkzettel“ sein, das Vergangene nicht zu vergessen.

Nur wer seine Vergangenheit kennt, wird die Zukunft mitbestimmen und gestalten können!

Georg RiedlBürgermeister a.D.