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22. Juni 2017

"Wo der Verstand aufhört, fängt die Wut an"

Auch dieses Jahr trafen sich über einhundert Teilnehmer vom 29. April bis 1. Mai beim Rohrer Forum. Dieses Mal befassten wir uns mit dem Thema „Das gesellschaftliche Klima in Europa im Wandel und der Beitrag der Zivilgesellschaft in Ost und West“

Das Einstiegsreferat von Michael G. Möhnle, Journalist und ehemaliger Pressesprecher im Europäischen Parlament, befasste sich mit den verschiedenen Formen des Populismus in der westlichen Welt. Möhnle sah den Brexit, sowie die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten als heilsamen Schock für die Europäer, was dazu führen sollte, die Politik der europäischen Union wieder verständlicher und transparenter zu machen. Trump demontiere derzeit aus Unwissenheit mit einer infantilen Gefühlslage die Fundamente der Nachkriegsordnung. Somit müssten die Europäer jetzt zusammenstehen, um nicht als Einzelstaaten zerrieben zu werden. Insofern sieht er vor allem die Zukunft Großbritanniens als unsicher an.

Am Abend referierte Matthias Dörr zum Thema „An der Nahtstelle West-Ost: Aktuelle Schwerpunkte und Ziele der Ackermann-Gemeinde im Dialog“. Die Verständigungsarbeit der Ackermann-Gemeinde ist auch fast dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs notwendig. Dies zeigten sowohl der öffentliche Diskurs zur Flüchtlingsproblematik wie auch das Aufkommen populistischer Strömungen in einigen ost- und mitteleuropäischen Ländern.

Luboš Palata, 1967 geborener Journalist aus Prag referierte am Morgen des zweiten Tages zum Thema „Das gesellschaftliche Klima in Tschechien auf der Kippe? Die Zivilgesellschaft zwischen Resignation und Aufbruch“. Er schlug einen Bogen vom Prager Frühling und der Charta-Bewegung, zu der auch der spätere Präsident Vaclav Havel gehört hat, hin zur Gegenwart mit dem derzeitigen Präsidenten Zeman und dem Vizepremier Andrej Babiš. Beide sieht er als Schande für sein Land. Seine Diagnose klang pessimistisch, denn einerseits hätten Leute wie Babiš mit entsprechender Gesetzgebung dafür gesorgt, dass es einige Superreiche im Land gibt, die einen Großteil der Wirtschaft und auch die Presse kontrollierten. Palata schilderte sein persönliches Dilemma, dass er als Journalist, der für Zeitungen schreibt, die Babiš gehören, häufig erlebt, dass über bestimmte Dinge einfach nicht recherchiert wird. Somit würde journalistische Arbeit im Ansatz behindert. Präsident Zeman stehe für prorussische Propaganda und polemisiere ständig gegen die Europäische Union.

Journalisten würden in einem zunehmenden Informationskrieg von den Populisten als Feinde gesehen. Insofern sieht Luboš Palata für sich und seine Journalistenkollegen unruhige Zeiten.

Jörg Siegmund, Politikwissenschaftler der Politischen Akademie Tutzing, stellte in seinem Beitrag die Frage „Wie stärken wir die Demokratie? – Instrumente gegen das Auseinanderbrechen der Gesellschaft“. Er stellte bereits jetzt eine stärkere Politisierung der Öffentlichkeit fest, die sich zum Beispiel in höheren Wahlbeteiligungen festmachen lässt. Doch sowohl die Art von Politik als auch die Informationsbeschaffung seien einem weitgehenden Wandel unterworfen.

Den thematischen Abschluss bildete das Referat von Dr. Albert-Peter Rethmann zum Thema „Wie gehen wir als Christen mit dem Hass um?“. Er ging dabei auf Erkenntnisse der Angstforschung ein: So ist Angst erst einmal nützlich, wenn sie uns vor begründeten Gefahren warnt. Da Ängste in sehr alten Gehirnregionen aus der Reptilienzeit verankert sind, hat der Verstand darauf kaum Einfluss. Somit kommt es dazu, dass unbegründete Ängste schwer von begründeten unterschieden würden. Angst vor den Folgen der Globalisierung, Angst vor Fremdem und Fremden (Xenophobie) führten zu Hass. Populisten schüren diese Ängste und projizieren sie auf Politiker und Institutionen.  Mit dem Versprechen, die Gründe für die Ängste (die Fremden) zu beseitigen, schöpfen Populisten politisches Kapital.

Was kann von Christen dagegengesetzt werden? Zum einen das Befassen mit den Fakten und dass man in Diskussionen deutlich Position bezieht. Wie ein humorvoller Beitrag dazu aussehen kann, zeigte Albert-Peter Rethmann mit einem Youtube-Video von Nico Semsrott:  Pavianfelsen.

Was wäre das Rohrer Forum ohne den Tanz in den Mai? So wurde auch dieses Jahr in der geschmückten Klosterhalle getanzt, gegessen, gefeiert.

Es ist davon auszugehen, dass dem Rohrer Forum angesichts der politischen Entwicklungen in Europa die Themen nicht ausgehen werden.

Michael Schuch