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22. Februar 2017

Die Kunst des (Un-)Möglichen

Das Jubiläum „20 Jahre Deutsch-Tschechische Erklärung“ nahm der tschechische Diplomat Dr. Tomáš Kafka zum Anlass, in einem Diskussionsbeitrag über die Entwicklung des tschechischen Deutschlandbildes nachzudenken. Der Text erscheint Ende März in der Ausgabe 1-2017 de Zeitschrift „Der Ackermann“. Kafka ist nicht nur als langjähriger Diplomat ein Kenner der deutsch-tschechischen Beziehungen. Als tschechischer Gründungsdirektor des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds hat er diese durch wichtige Impulse auch ganz konkret mitgestaltet.

Tribar oder Penrose-Dreieck,

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Die Zeiten, in denen man auch in Prag nicht darum herumkam, sich an diese Zeilen von Heinrich Heine zu erinnern, gehören längst und zum Glück der Vergangenheit an. Nicht, dass es in Tschechien nicht Anlass genug zur Schlaflosigkeit gäbe. Zeiten, in denen man ganz der sprichwörtlichen Schlaflosigkeit abschwören könnte, sind nicht in Sicht. Doch geändert hat sich das Subjekt, dem die abendlichen Sorgen gelten. Was heutzutage manche Tschechen um den Schlaf bringt, ist nicht Deutschland. Es ist die ganze Welt und der Zustand, in dem sie sich am Anfang des 21. Jahrhunderts befindet.

Da Schlaflosigkeit nimmer Gutes verheißt, da die Welt auch für die Tschechen größer denn Deutschland ist, muss uns der Sinneswandel in Heinrich Heines berühmtem Gedicht nicht unbedingt als schlechte Nachricht gelten. Oder, besser gesagt, nicht bedingungslos. Man kann aus den Zeilen auch Positives herauslesen und zwar, dass sich das tschechische Deutschlandbild endlich und diesmal eindeutig zum Guten gewandelt hat. Dies allein wäre schon positiv.

Doch die gute Nachricht hat noch eine weitere Dimension: Es kam zu dem Wechsel nicht infolge einer negativen Idealkonkurrenz, in der die Welt einfach noch schrecklicher für die Tschechen daherkommt als das traditionelle Schreckgespenst Deutschland, oder auf Grund einer gewissen Ermüdung der tschechischen „Deutschlandfresser“. Mitnichten. Die Änderung des Deutschlandbildes ist nicht vom Himmel gefallen sondern wurde dank beiderseitiger Bemühungen von den Tschechen sowie von den Deutschen in den letzten 20 Jahren hart erarbeitet und schließlich auch verdient! 

Die Grundlage für das, was von einigen deutschen Politikern heutzutage als „Wunder der Versöhnung“ bezeichnet wird, wurde im Jahre 1997 in Gestalt der damals von den Regierungen sowie Parlamenten beider Länder abgesegneten „Deutsch-Tschechischen Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung“ geschaffen. Ein auf den ersten Blick eher unauffälliger Text, dessen Tragweite sich erst nachträglich offenbarte.

Die ursprüngliche Absicht beider Seiten war damals, den bilateralen Beziehungen ihr geschichtsbezogenes Spannungspotenzial zu nehmen und damit den Weg der Tschechischen Republik in die westlichen Bündnisse, NATO und EU, frei zu machen. Statt einer gemeinsamen rechtspolitischen Auslegung der gemeinsamen Geschichte, um die man sich seit der großen politischen Wende im Jahr 1989 vergeblich bemüht hatte, beschlossen politische Repräsentanten beider Länder, lieber kürzer zu treten und es anstelle eines großen historischen Ausgleiches mit der Bekundung gegenseitigen Respekts bewenden zu lassen.

Und noch etwas hatte man damals mit der Deklaration im Auge. Um dem Abkommen die so gefürchtete administrative Trockenheit zu nehmen, kamen die beiden Staaten überein, der Pflege zwischengesellschaftlicher Beziehungen mit Hilfe von zwei neuen Kreationen, des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums, neue Impulse von unten zu verleihen. Beide Organisationen bekamen Mittel, die zunächst für ca. 10 Jahre ausreichen sollten, und man stellte ihnen nur eine einzige fundamentale Aufgabe – dem Neubeginn in den deutsch-tschechischen Beziehungen mehr Ernsthaftigkeit und vor allem Glaubwürdigkeit zu verleihen, dies insbesondere mit Hilfe einer längst fälligen humanitären Geste für die damals noch weithin vernachlässigten Härtefälle unter den tschechischen NS-Opfern.

Soweit also die respektablen, aber nicht umwerfenden Absichten. In der Praxis kam es allerdings anders. Die beiden Institutionen haben nicht nur das Potenzial der Deklaration für die Entwicklung bilateraler Beziehungen voll begriffen und ausgeschöpft – sie haben es in mancher Hinsicht auch ausgedehnt und neu definiert. Denn dank der gemeinsam errungenen Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit wurde nicht nur der Weg in die Zukunft freigemacht, sondern auch ein wahrhaftigerer Umgang mit der Vergangenheit ermöglicht.

Was geschah? Ein Wunder der Versöhnung, wie es schon eingangs hieß. Doch damit würde man den Menschen in beiden Ländern nicht ganz gerecht. Es wäre viel gerechter zu sagen, dass Bürger beider Länder – die mutig die Chance ergriffen, sich auch als Partner bei den gemeinsamen, vom Zukunftsfonds unterstützten Projekten kennenzulernen – den Text der Deklaration mit ihren Taten neu geschrieben oder wenigstens interpretiert haben. Dieser Tatbestand sollte niemanden überraschen oder gar schockieren. Denn nicht zuletzt die Leser der „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ wissen nur zu gut: Wenn man etwas nicht darf, heißt das noch lange nicht, dass man es nicht kann.

Der neue, in der alltäglichen Kooperation geborene Geist der Deklaration ließe sich so erfassen: Auch wenn wir, Deutsche und Tschechen, auf Grund der allzu vielen Diskontinuitäten keine einheitliche Auslegung unserer jüngeren Geschichte zustande bringen sollten, heißt das noch lange nicht, dass wir nicht einen gemeinsamen Kontext zu schaffen vermögen, in dessen Rahmen wir uns mit dieser Geschichte individuell auseinandersetzen können. Jeder kann dabei selber so viel Verantwortung und womöglich auch symbolische Wiedergutmachung schultern, wie er wirklich will oder vermag.

Der Alltag hat bewiesen, dass sowohl Deutsche wie auch Tschechen individuell nicht gekleckert sondern geklotzt, also individuelle Verantwortlichkeit angenommen sowie grenzüberschreitende Empathie entwickelt haben.  Das Brünner „Jahr der Versöhnung“ (2015) sowie die vielfältige offizielle und zivilgesellschaftliche Anerkennung individuellen Schmerzes, den sich die ehemaligen Landsleute und Mitbürger, Tschechen und Sudetendeutsche, gegenseitig zugefügt haben, sind eine Art „Spätlese“ unter den Früchten der gemeinsamen Kooperation, die hunderte, wenn nicht gar tausende deutsch-tschechische Partnerschaftsprojekte unter den Fittichen der Deklaration resp. des Zukunftsfonds gesät haben.

Zurück zu Heinrich Heines Schreckbildern über Deutschland. Ob sich Heine vom modernen Deutschlandbild beeindrucken ließe? Intellektuelle leiden, wie man wohl weiß, gerne an ihrem Heimatbild. Hätte allerdings Heinrich Heine seine tschechischen Nachbarn nur ein wenig kennengelernt, wäre er im besten Sinne hoch überrascht. So viel positive Erwartung bei den Tschechen, die als Weltmeister des Skeptizismus gelten, ausgerechnet Deutschland gegenüber! Auch der sogenannte Strategische Dialog als jüngstes Kind der gegenwärtigen deutsch-tschechischen Zusammenarbeit beweist das. Wir, Deutsche und Tschechen, können nur gemeinsam mit der aktuellen Weltlage zurechtkommen, die uns anstelle Deutschlands um den Schlaf bringt. Aber das ist bereits eine neue und die Fortsetzung unserer gemeinsamen jüngsten Geschichte.

Dr. Tomáš Kafka
Direktor der Abteilung Mitteleuropa
des Außenministeriums der Tschechischen Republik